¨Die öffentlichen Anlagen in Belarus sind stets aufwendig und gepflegt, die Lebensqualität der Bevölkerung ist beachtlich, die Mehrheit fühlt sich Russland mehr verbunden als dem Westen. (Foto Stefano di Lorenzo)

 Eine bewegende Reise nach Belarus  

Belarus ist eine Reise wert, weil sie in ein schönes Land mit unberührter Natur und vielen Seen und Wäldern, interessanten Städten und freundlichen Menschen führt, aber auch die Augen öffnen kann für die unvorstellbaren Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während der Besatzungszeit 1941-1944.

Motto: Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne Frieden nichts. (Willy Brandt)                                 

Vorbemerkungen

Die Autoren sind zwei ältere Männer, die Ende September 2025 für eine Woche nach Belarus gereist sind, um sich in diesem Land umzusehen, über das und deren Geschichte man in der Öffentlichkeit bei uns nur wenig weiß und seit längerer Zeit auch nicht viel Gutes hört, außer, dass man dort für die Einreise kein Visum braucht. Das Land wird in Deutschland auch Weißrussland genannt (Fußnote 1). 

Entgegen einer verbreiteten Meinung führt die Reise in dieses Land nicht an das Ende von Europa, sondern die nordbelarussische geschichtsträchtige Stadt Polazk im Bezirk Witebsk beansprucht für sich, den geographischen Mittelpunkt des europäischen Kontinents zu besitzen (Fußnote 2).

Jan Gorski, der Koautor dieses Berichtes, wurde 1949 in Belarus in dem Weiler Podauty im Raum Polazk, Bezirk Witebsk, geboren. Er ist 1957 mit seiner Familie nach Polen umgesiedelt, lebt seit 1981 in Deutschland und ist seit vielen Jahren Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher West-Ost-Gesellschaften (BDWO).

Der BDWO ist ein Zusammenschluss von mehr als 70 Vereinigungen und Initiativen, die sich für die Vertiefung der Beziehungen zu den Menschen in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion einsetzt, wozu auch Belarus gehört, z.B. durch „Bürgerbegegnungen zwischen West und Ost, Durchführung von kulturellen Veranstaltungen und Vorträgen zu politischen, sozialen und wirtschaftlichen Themen und Verbreitung von Informationen, die ein differenziertes Bild des jeweiligen Partnerlandes zeichnen“ (Fußnote 3). 

Da mein Koautor auch über ausgezeichnete russische und belarussische Sprachkenntnisse verfügt, hatten wir keine Probleme, uns mit den Menschen, die wir bei unserem Besuch in Belarus trafen, zu verständigen.

In dem Weiler, in dem er nach dem 2. Weltkrieg geboren wurde, hat sich im Herbst 1943 die folgende Untat zugetragen: Soldaten der deutschen Wehrmacht überfielen eines Morgens diesen Ort und haben die Männer, alles Zivilisten, erschossen und deren Häuser in Brand gesetzt. Darunter befanden sich zwei ältere kriegsuntaugliche männliche Angehörige und ein behinderter 16-jähriger Junge aus seiner Familie, der im gebrochenen Deutsch den Soldaten zu erklären versucht hatte, dass sie keine Partisanen seien. 

Als einziger Mann in der Familie überlebte sein Großvater, weil dessen Haus etwas abseits stand. Die Frauen und Mädchen, darunter auch seine Mutter und Großmutter, wurden nicht ermordet. Ein Teil der weiblichen Bevölkerung dieses Weilers und deren Kinder musste anschließend versuchen, in Erdhöhlen zu überleben. 

Nach dem Kriege wurde bekannt, dass es sich bei diesem schrecklichen  Kriegsverbrechen um eine Vergeltungsaktion wegen der Tätigkeit sowjetischer Partisanen in dieser Gegend gehandelt hat. Der Weiler lag am Rande eines großen Sumpf- und Waldgebiets, das die Partisanen als Rückzugsort benutzten und wo sie für die Besatzer nicht mehr erreichbar waren. 

 Belarus heute

Obwohl für eine Touristenreise nach Belarus, wie schon gesagt, kein Visum erforderlich ist, sind aktuelle Reiseberichte über dieses Land in deutschsprachigen Medien kaum zu finden. Das ist angesichts der überwiegend negativen Berichterstattung über Belarus auch nicht verwunderlich. 

Umso erfreulicher ist ein vierteiliger sehr informativer Reisebericht über den Besuch mehrerer Provinzhauptstädte von Belarus, der 2025 im Schweizer Politblog „Globalbridge“ erschienen ist (Fußnoten 4 bis 7). Autor ist der Journalist Stefano di Lorenzo, ein gebürtiger Italiener, der derzeit in Russland lebt. Sein Reisebericht zeigt anschaulich, was für ein schönes Land mit wunderschönen Städten wie z. B. Witebsk, Grodno, Mogilew und Brest Belarus heute ist.  

Belarus ist ein Binnenland in Osteuropa mit ca. 60 Prozent der Fläche Deutschlands und 9,1 Millionen Einwohnern. Das Land ist also relativ dünn besiedelt. In der Hauptstadt Mink leben etwa 2 Millionen Einwohner. Das Binnenland grenzt an Polen, Litauen, Lettland, die Russische Föderation und die Ukraine.

Da Belarus der Zugang zu seinen historischen Häfen (Klaipeda, Ventspils, Tallin und Kaliningrad) durch die EU-Sanktionen weitgehend verwehrt wird, baut es seine Transportwege zu den russischen Häfen, z. B. nach St. Petersburg und anderen, massiv aus, was die Verbindungen zu Russland stärkt und im Ergebnis zu einem dramatischen Umsatzrückgang des Hafens von Klaipeda geführt hat. 

Weil Flugreisen nach Belarus ebenfalls von der EU sanktioniert sind, kann Minsk von Hamburg aus nicht direkt angeflogen werden. Deshalb sind wir zunächst in die litauische Hauptstadt Vilnius geflogen, die 30 km von der belarussischen Grenze entfernt ist. Von dort ging es weiter mit dem Linienbus nach Minsk, der Hauptstadt von Belarus, die fast genau in der Mitte des Landes liegt. Wenn man von längeren Aufenthalten an der litauisch-belarussischen Grenze einmal absieht, die jeweils 3 bis 4 Stunden dauern können, waren die Busfahrten unproblematisch und unterhaltsam, denn die Wartezeiten an den Grenzen nutzten wir für Gespräche mit unseren Mitreisenden. 

Entgegen den Warnungen, die wir in Deutschland vor unserer Abreise von Bekannten erhalten hatten, war es leicht, mit diesen Menschen in ein freundliches Gespräch zu kommen. Es waren Belarussen, die nach Litauen zur Arbeit fuhren, oder Litauer, die in Belarus einkaufen oder ihre Verwandten besuchen wollten, oder Ukrainer, die in Polen oder Deutschland leben und ihre Großeltern, die östlich der Frontlinie im Ukrainekrieg beheimatet sind, besuchen wollten. 

Diese Menschen waren sehr hilfsbereit, und wir durften sogar ihre Handys benutzen, um unsere Hotelreservierungen in Belarus zu bestätigen. Bei vielen älteren Menschen, die wir trafen, war noch ein Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander aus Sowjetzeiten zu beobachten, was uns von unseren Gesprächspartnern auch bestätigt wurde.

Nach dem Untergang der Sowjetunion wurde Belarus 1991 zum ersten Mal in seiner Geschichte ein selbstständiger Staat, der, wie auch die anderen Staaten der ehemaligen UdSSR, in den ersten Jahren nach Beginn der Unabhängigkeit aufgrund der Folgen des allgegenwärtigen Staatszerfalls mit vielen außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. In dieser Zeit und darüber hinaus leisteten zahlreiche Bürgerinitiativen in Deutschland, so auch der „Uelzener Verein für Deutsch-Weißrussische Beziehungen“, wertvolle humanitäre Hilfe, z. B. durch Unterstützung beim Betrieb eines Kinderkrankenhauses in Kobryn, der Partnerstadt von Uelzen, an der auch mein Koautor beteiligt war. 

1994 wurde Alexander Lukaschenko mit einem ausgesprochen sozialen Programm mit über 80,1 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen zum Präsidenten gewählt. Deshalb hat Belarus im Vergleich mit den anderen postsowjetischen Ländern laut Wikipedia ein „einzigartiges“ Sozialsystem (Fußnote 8). Einzelheiten zu dieser Einschätzung sucht man dort aber vergebens. 

Deshalb sei hier die folgende Erläuterung nach Auskunft unserer Gesprächspartner in Belarus wiedergegeben. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik versucht Belarus, die entsprechenden Institutionen des sowjetischen Vorbilds beizubehalten. Das bedeutet u. a.: keine oder nur ganz wenige Privatisierungen von großen Produktionsbetrieben, keine Oligarchen, Recht auf Arbeit, geringe Arbeitslosigkeit, kostenlose Gesundheitsversorgung und Schul- und Universitätsausbildung, sichere Renten und relativ hohe Staatsausgaben für die soziale Sicherung. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

2020 kam es zu einer „Revolution“ in Belarus (Fußnote 9). Im Grunde war das wohl eher eine von außen gesteuerte „Farbrevolution“, die aber nicht (wie die zwei entsprechenden Maidan-Revolutionen in der Ukraine) erfolgreich war, weil, wie Meinungsumfragen aus dieser Zeit gezeigt haben, die Mehrheit der Bevölkerung nicht prowestlich eingestellt war, und das hängt natürlich auch mit der Politik von Lukaschenko (siehe oben) zusammen.

Die damalige Gegenkandidatin von Lukaschenko, Swetlana Tichanowskaja, hat sich aber als Wahlsiegerin erklärt und von Wahlbetrug gesprochen, freilich ohne Beweise, und lebt jetzt im Exil in Polen. Seitdem besteht der Konfrontationskurs der EU gegenüber Lukaschenko. Dieser wird von der EU nicht als Präsident anerkannt.

Im Gegensatz dazu versuchten die USA in der letzten Zeit, mit politischen Zugeständnissen Keile zwischen Moskau und Minsk zu treiben, Trump bezeichnete 2025 Lukaschenko als „einen hochangesehenen Präsidenten“ (Fußnote 9).

Auch wenn das Verhältnis Belarus-Russland nicht immer reibungslos war, hat Lukaschenko seit Beginn des Ukraine-Krieges 2022 einen engen Schulterschluss mit Moskau vollzogen. 2024 ist Belarus bei der vollzogenen Verschärfung der Nukleardoktrin Russlands mit unter den russischen Nuklearschirm geschlüpft.

Die westlichen Anbindungsbestrebungen von Seiten der EU und zuletzt die von Trump haben stets die Tatsache ignoriert, dass die klare Mehrheit der belarussischen Bevölkerung prorussisch eingestellt ist. 2019 sprachen sich rund zwei Drittel für eine verstärkte Zusammenarbeit mit Russland aus, nur knapp ein Drittel wünschte sich eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland (Fußnote 9).

Zur wirtschaftlichen Situation ist zu sagen, dass Belarus zwar über nur wenige Rohstoffe außer Kalivorkommen verfügt, wobei dessen Export als Kalidünger auch unter Sanktionen von Seiten der EU steht. Aber das Land hat seit Sowjetzeiten eine entwickelte Maschinenbau- und Elektroindustrie und produziert z. B. Traktoren, Autobusse, LKWs, Kühlschränke, Möbel und moderne Elektronik, vor allem für den russischen Markt.

Somit ist es keine Überraschung, wenn Russland beim Wirtschaftsaustausch mit Belarus, sowohl beim Import als auch beim Export, mit einem Anteil von über 50 Prozent weit an der Spitze steht. China liegt inzwischen mit 10 bis 15 Prozent beim Export und 5 bis 7 Prozent beim Import auf dem 2. Platz. Deutschland bleibt trotz der Sanktionen mit ca. 5 Prozent beim Im- und Export an 3. Stelle

Auch wenn das Land über keine großen Ölvorkommen verfügt, stellt die Petrochemie doch einen weiteren bedeutenden Wirtschaftszweig dar. Weiterhin ist interessant, dass der Anteil der IT mittlerweile ca. 6 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt, der etwa so groß ist wie der der Landwirtschaft.

Minsk heute

Auf unserer Reise nach Belarus haben wir uns diesmal auf den Besuch von Minsk und dessen Umgebung konzentriert, planen aber, bei unserem nächsten Besuch, angeregt durch die Reiseberichte in „Globalbridge“ (Fußnoten 4 bis 7), auch einigen Provinzhauptstädten einen Besuch abzustatten, wie z. B. Witebsk im nördlichen oder Grodno im westlichen Belarus.

Minsk ist heute eine höchst eindrucksvolle grüne 2-Millionenstadt, die sich hinter Städten wie Hamburg und Berlin nicht verstecken muss, mit einer großen Zahl von schmucken Hochhaus-Neubauvierteln und einer ganze Reihe neuer orthodoxer Kirchen in diesen  Stadtteilen, die vor allem in den letzten 20 Jahren gebaut worden sind, mit vielen gepflegten Parks, großen und schön angelegten breiten Straßen mit dichtem Autoverkehr und einem umfangreichen Bus- und U-Bahnnetz (Fußnote 10). Auf den Straßen sieht man in der Regel modisch gekleidete und geschäftige Menschen, die einem freundliche Auskunft geben, wenn man sie anspricht. 

In den schmucken Hochhäusern wohnen (wie auch in Russland) zu einem großen Teil die Wohnungsbesitzer, Mietverhältnisse sind seltener. Viele Familien in Belarus besitzen zusätzlich eine Datscha auf dem Lande.

Die Stadt ist aber auch ein anschauliches Beispiel für die nach dem Krieg wiederaufgebaute sowjetische Architektur sowie ein Muster für die Wiederherstellung des historischen Erbes. Das betrifft vor allem die Altstadt mit dem restaurierten Rathaus und mehreren alten Kirchen. Mit ihren im stalinistischen Stil gebauten Wohn- und Kaufhäusern und Märkten vermitteln sie eine gewisse Nostalgie in Erinnerung an die sozialistische Vergangenheit. Ein paar Straßenzüge weiter sieht man dann aber wieder modernste Glas- und Aluminiumbauten.   

Minsk ist eine ausgesprochen saubere und gepflegte Stadt und die Kulturmetropole von Belarus: Es gibt eine große Zahl von Museen, 20 Theater, Konzerthallen und eine ganze Reihe von Hochschulen.

Für junge Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ist ein Studienplatz in Belarus seht begehrt, auch, weil sich nach Abschluss des Studiums die Möglichkeit für einen Daueraufenthalt mit Arbeitserlaubnis im Lande bietet, wie wir in Erfahrung bringen konnten.  

Besonders sehenswert sind am Stadtrand liegende Freilichtmuseen, wo man viel über Leben, Kultur, Handwerk und Geschichte des Landes erfahren kann.  

Was man in Minsk nicht sieht, sind Bettler, Obdachlose und Graffitis.

Belarus 1941-1944

Belarus war während des 2. Weltkriegs von 1941 bis 1944 von der deutschen Wehrmacht besetzt. Es entwickelte sich in Folge der Besatzung ein grausamer und unerbittlicher Partisanenkrieg, in dem viele Städte und tausende Dörfer mit ihren Einwohnern vernichtet wurden.

Von den etwa 9 Millionen Einwohnern von Belarus 1941 sind im 2. Weltkrieg nach den neuesten Zahlen mindestens 3 Millionen ermordet worden. Ein großer Teil davon waren Juden, denn während der Zarenzeit war Belarus das Hauptsiedlungsgebiet der jüdischen Bevölkerung im russischen Reich.

Belarus hat von allen Sowjetrepubliken während des 2. Weltkriegs, der insgesamt mindestens 27 Millionen Todesopfer in der ehemaligen Sowjetunion gefordert hat, relativ zur Bevölkerung die meisten Opfer gehabt und hat am meisten gelitten. Die belarussische Geschichtsschreibung spricht heute von einem „Völkermord“, der sich während der deutschen Besatzung ereignet hat, und das wahrscheinlich zu Recht. 

Bei dem Beweis, dass es während der deutschen Besatzung in den Jahren 1941 bis 1944 in Belarus nicht nur zu einem exzessiven Massenmord an der belarussischen Bevölkerung gekommen ist, sondern zu einem Völkermord, einem Genozid, dem schlimmste aller  Kriegsverbrechen, stützen sich die belarussischen Historiker u. a. auf den „Generalplan Ost“ aus dem Jahre 1942 (Fußnote 11 und 12). Dieser war die Planungsgrundlage für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Ostmittel- und Osteuropas einschließlich von Belarus. Geplant war die großangelegte Vernichtung von 30 bis 50 Millionen Menschen aus Bevölkerungsgruppen, die für eine zukünftige Siedlungsstruktur als nicht „geeignet“ angesehen wurden.

Nach der neuesten wissenschaftlichen Dokumentation über den „Genozid an der belarussischen Bevölkerung“ während der Nazi-Besatzung von 1941 bis 1944 werden heute folgende Zahlen für Belarus genannt (Fußnote 13): 

  • mehr als 3 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene wurden umgebracht;
  • mehr als 377.000 Zivilisten wurden unter Todesdrohungen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachtet und viele von ihnen sind durch untragbare Arbeitsbedingungen, Auszehrung und Folter zu Tode gekommen;
  • 209 Städte wurden zerstört und verbrannt, eingeschlossen Minsk, Gomel, Witebsk, Polotsk, Orsha, Borisov und Slutsk;
  • mehr als 9200 Dörfer und Siedlungen wurden zerstört und verbrannt, eingeschlossen 5295 Siedlungen, die von der Nazi-Wehrmacht mit der gesamten oder einem Teil der Bevölkerung vernichtet wurden;
  • mehr als 1.270.000 Gebäude in Städten und Dörfern wurden zerstört. 

Chatyn

60 km nördlich von Minsk liegt Chatyn. Es ist die Nationale Gedenkstätte von Belarus, die wir mit großer Anteilnahme und Erschütterung besucht haben. Sie soll an die von der deutschen Wehrmacht zerstörten 9200 belarussischen Dörfer erinnern.

Das höchst eindrucksvolle Mahnmal gibt das Dorf Chatyn wieder (Fußnote 14). Auf einer 50 Hektar großen Fläche erkennt man Straßen und 26 Steinquader, wo einst Wohnhäuser standen. Auf dem Gelände rundherum stehen wie Kamine aussehende Obelisken. Sie tragen Bronzetafeln mit den Namen der ehemaligen Bewohner des jeweiligen Hauses sowie eine Gedenkglocke, die jede Minute läutet. Aschfarbige Betonplatten weisen die Wege. 

Im Zentrum der künstlerisch sehr gelungenen anspruchsvollen Komposition steht die sechs Meter hohe Bronzeskulptur von Jossif Kaminsky, dem einzigen Erwachsenen, der das Massaker in Chatyn überlebt hat und seinen toten Sohn auf den Armen trägt.

Von den 9200 zerstörten Dörfern und Siedlungen in Belarus in den Jahren 1941-1944 wurden wahrscheinlich Hunderte zusammen mit dem größten Teil oder der gesamten Bevölkerung wie in Chatyn verbrannt. Deshalb wurde in den 1960er Jahren Chatyn als Standort der Nationalen Gedenkstätte ausgewählt.

„Ich bin aus einem verbrannten Dorf“ ist der Titel einer 1975 erstmals in Buchform veröffentlichten dokumentarischen Sammlung von Erinnerungen von Zeitzeugen an die Zerstörung belarussischer Dörfer durch deutsche Soldaten während des 2. Weltkriegs, des „Großen Vaterländischen Krieges“, die von den belarussischen Schriftstellern Ales Adamowitsch, Janka Bryl und  Uladsimir Kalesnik gesammelt und zusammengestellt wurden (Fußnote 15). 

2024 erschien diese Sammlung in deutscher Übersetzung von Thomas Weiler unter dem Titel „Feuerdörfer“ im Aufbau Verlag, die 2025 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse/Übersetzung ausgezeichnet wurde (Fußnote 16). 

Das Buch enthält ausschließlich Zeugnisse von Menschen, die die Tragödie der Zerstörung ihres Dorfes und die Ermordung ihrer Verwandten und Mitbewohner persönlich erlebt haben. Um Zeitzeugen zu befragen, bereisten die Autoren 147 Dörfer in 35 Bezirken von Belarus mit einem Tonbandgerät und zeichneten in den Jahren 1970–1973 die Erinnerungen von mehr als 300 direkt an den Ereignissen Beteiligten auf. 

Auf S. 470-471 dieses erschütternden Dokumentarberichts (Fußnote 16) findet sich die Schilderung des oben erwähnten Jossif Jossifawitsch Kaminsky, dem einzigen überlebenden Bewohner des ehemaligen Dorfes Chatyn im Rayon Lahojsk, im Bezirk Minsk:

„Mich haben sie in diesen Stall gebracht… Die Tochter, der Sohn und die Frau – sie waren schon da. Und so viele Menschen. Ich sag zu meiner Tochter: „Wieso habt ihr euch nichts angezogen? Die haben uns die Kleider vom Leib gerissen“, sagt die Tochter.

Ja, sie treiben die Leute in den Stall und sperren ab, treiben sie rein und sperren ab. So viel Menschen hatten sie hineingepfercht, man bekam keine Luft mehr, bekam die Arme nicht mehr frei. Die Leute schreien, die Kinder dort; freilich, bei den vielen Menschen und dieser Angst. Heu gab es dort, Stroh, noch als Futter für die Kühe. Oben haben sie den Stall dann in Brand gesteckt. Oben angesteckt, das Dach brennt, das Feuer fällt auf die Menschen herunter, Heu und Stroh fangen Feuer, die Leute ersticken, es war so eng, dass man keine Luft mehr bekam. Keine Luft bekam man. Ich sag zu meinem Sohn: „Stemm dich gegen die Wand, mit Händen und Füßen, stemm dich dagegen…“.

Da ging auf einmal die Tür auf. Sie ging auf, aber die Leute gehen nicht raus. Was ist los? Da schießen sie, sie schießen da, heißt es. Aber es herrscht ein Geschrei, dass man das Schießen, das Rattern gar nicht hört. Freilich, Menschen verbrennen, Feuer von oben, dann noch die Kinder – ein Geschrei, dass… Ich sag meinem Sohn: „Über die Köpfe weg, über die Köpfe musst du!“

Ich setze ihn oben ab. Ich bin selber unten lang, durch die Beine. Und die Toten fielen auf mich. Auf mich drauf fielen die Toten, und ich krieg keine Luft. Aber ich ruderte mit den Armen – damals war ich noch kräftiger – ich kroch weiter. Kaum war ich an der Tür, da kam das Dach herunter, das Feuer auf alle herab… Mein Sohn war auch noch herausgekommen, nur am Kopf hatte er sich ein bisschen versengt, die Haare angebrannt. Er kam noch 5 Meter weit, dann legten sie ihn um. Tote lagen auf ihm – mit dem Maschinengewehr waren sie alle …

„Steh auf, sag ich, sie sind weg, sie sind jetzt weg!“

Ich wollte ihn herausziehen, aber seine Gedärme waren schon… Er fragte nur noch, ob die Mutter am Leben ist..

Dass niemand, der auf Erden ist, so ein Elend sehen und erleben muss, das gebe Gott …“

Elim Klimovs Film „Komm und sieh“

Das Massaker von Chatyn war von Ales Adamowitsch bereits 1971 in seinem Roman „Die Erzählung von Chatyn“ behandelt worden, der später als Grundlage für das Drehbuch zu dem Film „Komm und sieh“ (Fußnote 17) diente. 

Der Film von Elim Klimov  aus dem Jahre 1985 gilt als einer der letzten großen Meisterwerke des Sowjetkinos (Fußnote 18) und ist nach Einschätzung von Jochen Hellbeck, dem deutsch-US-amerikanischen Historiker und Autor eines neuen Buches über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion der vielleicht erschütterndste Antikriegsfilm aller Zeiten (Fußnote 19). Ein Trailer dieses Films kann hier (Fußnote 20) aufgerufen werden. 

Minsk 1941-1945

Minsk war am Ende des 2. Weltkriegs völlig zerstört und der größte Teil der Einwohner entweder ermordet oder geflohen. Am Ende waren von den ca. 240.000 Einwohnern in dieser Stadt vor dem Krieg noch 50.000 übriggeblieben (Fußnote 21).

Vor dem deutschen Einmarsch befand sich in Minsk mit etwa 30 Prozent der Bevölkerung eine der größten jüdischen Gemeinden der Sowjetunion. Der größte Teil der Juden wurde während der deutschen Besetzung verschleppt und ermordet. In der Nähe von Minsk befand sich das Vernichtungslager Maly Trostinez.

Mit dem Ghetto in Minsk entstand in jenen Jahren eines der größten jüdischen Sammellager/Ghettos Europas. Die gesamte jüdische Bevölkerung von Minsk wurde gezwungen, in das Ghetto zu ziehen. 

Zu Beginn der Besatzung lebten mehr als 100.000 sowjetische Juden in diesem zwei Quadratkilometer großen Bezirk im Nordosten der Stadt. Hinzu kamen Juden aus ganz Europa, z. B. auch die sogenannten „Hamburger Juden“, die zunächst in einem gesonderten Bereich des Ghettos untergebracht wurden und eine „Vorzugsbehandlung“ erhielten. Aber Ende Juli 1942 fiel der überwiegende Teil aller Bewohner des Ghettos einer „Aktion“ des Massenmords zum Opfer, bei dem auch laut Augenzeugenberichten Gaswagen eingesetzt wurden. 

Darüber, über viele weitere schreckliche Ereignisse, die auch die Bevölkerung von Minsk in dieser Zeit erleiden musste, und über eine neue wissenschaftliche Perspektive auf den Massenmord in der Sowjetunion berichtet der Historiker Hellbeck auf der Basis von Aufzeichnungen  von Zeitzeugen in seinem neuen, schon genannten Buch über den deutschen Vernichtungskrieg (Fußnoten 22 und 23). Angehängt sei hier noch der Hinweis auf einen aufschlussreichen Vortrag von Hellbeck, mit dem er 2025 in Berlin sein Buch vorgestellt hatte (Fußnote 24).

Schlussbemerkungen

Die beiden Autoren dieses Artikels gehören zur älteren Generation, die den Kalten Krieg durchlebt und nach der Wendezeit 1989/1991 an einen dauerhaften Frieden in Europa geglaubt hat und jetzt darüber entsetzt ist, dass die Kriegsgefahr in Europa wieder bedrohlich zugenommen hat und derzeit so groß zu sein scheint wie in den dunkelsten Zeiten vor 1989. 

Deshalb wollen wir mit unseren bescheidenen Kräften etwas für den Frieden tun, und zwar:

erstens, in Diskussionsveranstaltungen in Deutschland über unsere Reise nach Belarus und unsere Erfahrungen dort berichten und in diesem Zusammenhang auch den Film „Komm und sieh“ zeigen,

zweitens, uns dabei einsetzen für eine möglichst baldige Beendigung des Krieges in der Ukraine, der sich zu einem großen europäischen Krieg mit dem Einsatz von Atomwaffen ausweiten könnte (Fußnote 25), durch einen Verhandlungsfrieden, wie er z. B. jüngst von General Harald Kujat und weiteren Prominenten in einem umfangreichen Papier (Fußnote 26) vorgeschlagen wurde, und

drittens, mit interessierten Menschen im Herbst 2026 eine weitere Reise nach Belarus unternehmen, um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gelegenheit zu geben, die Erfahrung zu machen, dass in Belarus ebenfalls Menschen leben, für die der Frieden entsprechend dem eingangs zitierten Diktum von Willy Brandt ein unverzichtbares Gut ist, das wir unbedingt bewahren müssen.

(Red.) Siehe zum Vorgehen der Deutschen in Belarus auch den Artikel «Das bestialische Vorgehen der Nazi-Deutschen darf nicht vergessen gehen!». Und man schaue sich den Firm «Komm und sieh!» zum gleichen Thema an! Hier anklicken! (cm)

Fußnoten zum Reisebericht von Klaus-Dieter Kolenda und Jan Gorski:

  1. Andre´ Böhm, Maryna Rakhlei: Weißrussland. Trescher Verlag, 2. Auflage 2019 
  2. https://www.atlasobscura.com/places/geographic-center-of-europe
  3. https://www.bdwo.de/
  4. https://globalbridge.ch/auch-in-belarus-scheint-die-sonne-ein-tag-auf-dem-slawjanski-basar/
  5. https://globalbridge.ch/von-witebsk-nach-gomel-eine-reise-durch-belarus-teil-2/
  6. https://globalbridge.ch/%d0%b1%d0%b5%d1%80%d0%b0%d1%81%d1%86%d0%b5-%d7%91%d7%a8%d7%99%d7%a1%d7%a7-brzesc-brest-litovsk-%d0%b1%d1%80%d1%8d%d1%81%d1%82-eine-reise-in-belarus-teil-3/
  7. https://globalbridge.ch/grodno-hier-kann-man-gluecklich-sein-eine-reise-durch-belarus-teil-4/
  8. https://de.wikipedia.org/wiki/Belarus
  9. https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/10131
  10. Andre´ Böhm, Maryna Rakhlei: Weißrussland. Trescher Verlag, 2. Auflage 2019,  S. 73 ff.
  11. https://de.wikipedia.org/wiki/Generalplan_Ost
  12. Genocid of the Belarusian People: Informational and Analytical Materials and Documents. Minsk 2023, S. 6-12
  13. Genocid of the Belarusian People: Informational ans Analytical Materials and Documents. Minsk 2023, S. 3-6
  14. Andre´ Böhm, Maryna Rakhlei: Weißrussland. Trescher Verlag, 2. Auflage 2019,  S. 153-154 
  15. https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/feuerdorfer/978-3-351-03997-4
  16. Ales Adamowitsch, Janka Bryl, Uladsimir Kalesnik: Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus-Zeitzeugen berichten. Aufbau-Verlag, 1. Auflage 2024
  17. Komm und sieh. Ein Film von Elim Klimov. 1985. Tonspur: Russisch. Untertitel: Deutsch
  18. https://de.wikipedia.org/wiki/Komm_und_sieh
  19. Jochen Hellbeck: Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025, S. 503
  20. https://www.bing.com/videos/riverview/relatedvideo?q=komm+und+sieh&&mid=4379B4641D7C6EB35AB34379B4641D7C6EB35AB3&FORM=VAMGZC
  21. https://de.wikipedia.org/wiki/Minsk
  22. Jochen Hellbeck: Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025, S. 248-267 
  23. „Klappentext: 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an und besetzte die Ukraine, Weißrussland, das Baltikum und einen Teil Russlands. Die Menschen dort zahlten den höchsten Blutzoll des Zweiten Weltkriegs. Jochen Hellbeck stellt den deutsch-sowjetischen Krieg aus einer neuen Perspektive dar. Er zeigt, dass die Nationalsozialisten ihren unerbittlichen Antisemitismus von Beginn an mit einem obsessiven Antibolschewismus verknüpften. Der Befehl lautete, alle Juden und Kommunisten in der SU zu ermorden. Die besetzten Gebiete im Osten wurden damit zum Ort einer speziell auf die Menschen dort zielenden Massentötung, die danach auf alle Juden im besetzten Europa ausgeweitet wurde. Auf Basis weitgehend unbekannter Zeugnisse schildert Hellbeck die damit einhergehenden Erfahrungen sowjetischer Juden und Nichtjuden. Er verdeutlicht, dass die sowjetische Gegenoffensive die gesamte Gesellschaft einbezog, ein entscheidender Faktor für den Sieg über Deutschland“ (aus: perlentaucher- das Kulturmagazin: https://www.perlentaucher.de/buch/jochen-hellbeck/ein-krieg-wie-kein-anderer.html).
  24. https://www.youtube.com/watch?v=Hy83oCdNRzs
  25. https://www.manova.news/artikel/der-blick-in-den-abgrund
  26. https://bremerfriedensforum.de/wp-content/uploads/2026/01/Verhandlungsvorschlag-zur-friedlichen-Loesung-de-Ukrainekrieges-Kujat-u.a.pdf

Autoren:

Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin – Gastroenterologie, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin/Sozialmedizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Seit 1978 ist er als medizinischer Sachverständiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein tätig. Zudem arbeitet er in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung) mit. E-Mail: klaus-dieter.kolenda@gmx.de

Jan Gorski, Diplom-Agrar-Ingenieur und Russisch-Lehrer, ehemaliger Hochschullehrer am Institut der Ökonomie, Verwaltung und Personalmanagement der Landwirtschaftsakademie in Szczecin, Projektleiter EU-PHARE Förderprogramme (1999-2004) zur Unterstützung osteuropäischer Länder beim Übergang zur Marktwirtschaft, Stärkung der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Aufbau von Verwaltung, Infrastruktur und Personalentwicklung, Vorstandsmitglied des Uelzener Vereins für Deutsch-Weißrussische Beziehungen und im Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften e. V. (BDWO). E-Mail: Gorski.J@gmx.de

Zum Gedenken an die Gräueltaten der deutschen Soldaten und ihre unschuldigen Opfer in Chatyn: eine Bronzestatue, die den Überlebenden Jossif Kaminsky mit seinem toten Sohn zeigt. (Foto Klaus-Dieter Kolenda)
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