Um keine Munition zu verschwenden, sperrten die deutschen Truppen alle Zufahrtswege zu Leningrad ab, um so die Bevölkerung der Stadt verhungern zu lassen. Um eine Million Menschen kamen so in Leningrad zu Tode. Ein Archivbild aus jener Zeit ...

Ein Brief von Frauen aus St. Petersburg an die Demonstrierenden in Berlin

(Red.) Russland-Reisende kommen oft ins Staunen, wie positiv die Russen über die Deutschen sprechen. Es gibt in Russland sogar Vereinigungen, wo die Freundschaft zu Deutschland bewusst gepflegt wird. Eine solche Vereinigung in St. Petersburg hat aus Anlass des 85. Jahrestages des Angriffs der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion einen Brief an die Teilnehmer der Kundgebung «Russland ist nicht unser Feind» in Berlin geschrieben. (cm)

Liebe Freunde, verehrte Gäste, дорогие друзья, уважаемые гости!

In St. Petersburg treffen sich seit über dreißig Jahren, immer mittwochs, in den Räumen einer Kirchengemeinde in der Nähe des Newski Prospektes, russische Frauen im fortgeschrittenen Alter, um deutsch miteinander zu sprechen. „Moi Babuschkies“, ‚meine Großmütter’ so nennt sie Jekatharina Agarkowa, Germanistik-Professorin und die Seele dieser Treffen. Alle lieben die deutsche Sprache, kennen die deutsche Geschichte und Kultur, manche haben deutsche Vorfahren oder auch Verwandte in Deutschland.

Ich schicke ihnen immer mal schöne Gedichte von Heine, Goethe oder Kästner, Texte von Mascha Kaleko, Rosa Luxemburg und Gisela Steineckert und andere Materialien für ihre Veranstaltungen, die mehr ein Feiern der deutschen Sprache und Literatur sind.

Einmal hatten sie mich – ich unterrichtete mal wieder im Frühjahrssemester an der Universität – zum 8. März eingeladen, dem in der Russischen Föderation traditionell groß gefeierten Internationalen Frauentag. Die Tische bogen sich von den selbstgebackenen Piroschkies mit köstlichen Füllungen, Kuchen, Früchten, selbstgemachten Weinen und Säften, vielen Blumen und kleinen gebastelten Geschenken für mich, den deutschen Gast.

Wir hatten gute Gespräche und mir kamen die Tränen, als eine Frau in der Runde das Weltjugendlied anstimmte. Dort heißt es ‚….wo auch immer wir wohnen, unser Glück auf dem Frieden beruht!…’ Es klang schön – deutsch und russisch gemeinsam.

Als die deutschen Faschisten vor 85 Jahren die Sowjetunion überfielen und Hitler beschloss, Leningrad, das sich nicht ergeben wollte, auszuhungern und dabei durch Artilleriebeschuss seine prachtvollen Straßen, Paläste und Kirchen, die historischen Orte des Roten Oktober, zu zerstören, verloren diese Frauen Jahre ihrer Kindheit. Sie gehören zu den wenigen, die nach dreijährigem Martyrium dem Tod entkommen sind. Über eine Million  Menschen hatten dieses Glück nicht.

Ich habe einige Jahre in dieser prächtigen Stadt gelebt und gearbeitet und selbst erlebt, wie die Erinnerung an diese Schrecken, an ihre Opfer – an die Verhungerten, Zerbombten, Erfrorenen….  in den Familien von Generation zu Generation wachgehalten wird.. 

Die faschistische Blockade Leningrads war eines der größten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Es war Völkermord und muss entsprechend entschädigt werden.

Ich habe diesen Frauen von unserer Kundgebung, unseren Anstrengungen um den Frieden, geschrieben. Das hat sie sehr bewegt, und sie haben uns einen Brief gesandt. Den möchte ich jetzt gerne vorlesen:

Frauenbrief aus St. Petersburg zum 22. Juni 2026

Eine Gruppe russischer Frauen, vereint durch ihr Interesse an Deutschland, der deutschen Sprache und Kultur, wendet sich an Sie. Jede von uns hat Freunde oder Verwandte in Deutschland, wir haben Ihr Land schon oft besucht und dabei stets die Herzlichkeit der Deutschen gespürt. Wir sind es gewohnt, Deutschland als ein befreundetes Land zu sehen, das seit Jahrzehnten den Slogan „Nie wieder darf von deutschem Boden ein Krieg ausgehen!“ verkündet.

Die guten Beziehungen zwischen unseren Ländern waren für beide Seiten von Vorteil und haben zur Entwicklung der wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen beigetragen. Viele Jahre lang haben wir Deutschland besucht und deutsche Freunde bei uns empfangen. 

Derzeit führen NATO-Staaten über die Ukraine einen nicht erklärten Krieg gegen uns, indem sie diese mit Waffen und Geheimdienstinformationen versorgen und so weitere Opfer und Zerstörung in unser Land bringen. Wir sind besorgt über die aktuelle Hinwendung zu Revanchismus und Militarismus in Ihrem Land. Die deutsche Militärdoktrin von 2026 erklärt Russland offen zur Hauptbedrohung und plant – entgegen dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung – Vorbereitungen für einen neuen Krieg. 

Dieses Jahr begingen wir den 81. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg und erinnerten uns an den hohen Preis, den das sowjetische Volk für diesen Sieg zahlen musste. Jede Familie hat Angehörige, die in diesem Krieg gefallen sind! Die Leningrader Bevölkerung, die die Nazi-Belagerung überlebte und fast eine Million Menschenleben verlor, schätzt Frieden und Freiheit besonders! Wir wollen keine Wiederholung dieser schweren Prüfungen und Opfer! Wir wünschen uns Frieden und freundschaftliche Beziehungen zwischen unseren Ländern! 

Wir freuen uns, dass in Deutschland, insbesondere in Berlin, regelmäßig Tausende von Menschen unter dem Motto „Russland ist nicht unser Feind! Wir wollen nicht gegen Russland kämpfen!“ demonstrieren. Viele Deutsche fordern von der Regierung, Vernunft walten zu lassen und die Fehler des letzten Jahrhunderts nicht zu wiederholen. Der nächste Krieg könnte der letzte der Menschheit sein! Wir betonen immer wieder: Russland hat keine Absicht, irgendjemanden anzugreifen; wir haben keinen Grund dazu! Wir schmieden ehrgeizige Pläne für eine friedliche Entwicklung und eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit mit anderen Ländern. Wir wünschen uns Freundschaft und Frieden, gegenseitigen Respekt und Gleichberechtigung der Völker! 

Wir wünschen Ihrer Veranstaltung, die dem Gedenken des 85. Jahrestages des Angriffs Nazideutschlands auf die Sowjetunion gewidmet ist, Erfolg und die Unterstützung der Bevölkerung Berlins und Deutschlands.

[Ende des Briefs aus St. Petersburg]

Zum Abschluss:
Liebe Freunde! Wir senden Euch von hier aus unseren großen Dank und unsere herzlichen Friedensgrüße nach St. Petersburg, der Heldenstadt Leningrad!!!

Zur Rednerin: Inge Pardon ist promovierte Historikerin. Sie leitete das zentrale SED-Archiv und sorgte für dessen geschlossene Überführung in die Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO). Zu erreichen unter info@dialogica-institut.de

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