Das Bid auf dem Buch-Umschlag verrät die Thematik, ersetzt aber natürlich nicht die Lektüre ...

Die Tyrannei der Talkshow – Wie Philipp Ammon den barmherzigen Samariter in die Postmoderne schickt

Die Bibelparabel im postmodernen Zerrspiegel: In seiner bitterbösen Satire «Get your Kicks» verpflanzt Philipp Ammon das Gleichnis vom barmherzigen Samariter mitten in die egozentrische Kakofonie moderner Talkshows und Social-Media-Spalten. Ein sprachgewaltiges Spektakel, das uns schonungslos vor Augen führt, wie ewiges Moralisieren das echte Mitgefühl und Handeln erstickt.

Das Szenario ist ein unsterblicher Klassiker: Ein Mann reist von Jerusalem hinab nach Jericho, gerät in einen Hinterhalt, wird ausgeraubt, halbtot geschlagen und bleibt im Staub der Wüste liegen. Doch wer nun glaubt, in Philipp Ammons Get your Kicks auf die tröstliche Eindeutigkeit des Lukas-Evangeliums zu treffen, wird unsanft aus der Komfortzone katapultiert.

Philipp Ammon, geboren 1975 und ansässig in Berlin, arbeitet als Historiker sowie Kaukasiologe und forscht unter anderem am kanadischen Centre for Military, Intelligence and Security Studies (CMISS). Als Schriftsteller verknüpft er profunde historische Gelehrsamkeit mit zeitkritischer Satire und veröffentlichte neben politikwissenschaftlichen Fachbüchern auch prämierte Lyrik, Erzählungen und kulturwissenschaftliche Essays. Mit seinem neuesten Werk legt er ein Buch vor, das gleich zwei Gattungen bedient: Ein rasanter Ritt durch den intellektuellen Totalschaden unserer Gegenwart, aufgeteilt in ein szenisches Lustspiel und ein erzählerisches Scherzo.

Bei Ammon verkommt die Wüstenstraße zur virtuellen Arena moderner Kommentarspalten. Der verletzte Reisende bleibt stumm, während eine groteske Karawane von Wichtigmachern, Ideologen und Fabelwesen an ihm vorbeizieht. Da ist der Neoliberale Glücksschmied, der die Privatisation der Straße fordert und im Raub via »Trickle-Down-Effekt« eine ökonomische Chance für das Opfer wittert. Ihm folgt der Security-Berater Melik Hilferding, der lupenreines Gaslighting betreibt, dem Opfer rät, die Krise als »Chance zu growen« zu begreifen, und vor dem Abgang noch ein Selfie fürs Kundenalbum knipst. Die esoterische Königin Frau Sanssouci trivialisiert das Verbrechen vollends und empfiehlt dem Blutenden, sich einfach ein Lustschloss vom Universum zu wünschen. Gekrönt wird dieses Kabarett von einer akademischen Elite (Frau Immaculata und Widdewiddewitt Bifrons),  die den Rahmen des öffentlich Sagbaren so lange dehnen, bis der nackte Wortbruch zum progressiven Standard verklärt wird.  Wenn schließlich eine Horde spitzfindiger Lachhyänen ein gütiges andalusisches Pferd reißt und dies mit »Schwarmintelligenz« und Ökologie rechtfertigt, gefriert das Lachen endgültig im Hals.

Ammon verweigert uns den edlen Samariter. Die klassische Rettung bleibt aus – stattdessen kommt die finale Bewegung von ganz unten: Es sind keine moralisch integeren Lichtgestalten, die zupacken, sondern das im Schlamm der Realität erprobt pragmatische »Frontschwein« und das flinke Ferkel Gotschi, die den stummen Verletzten huckepack nehmen. Sie fackeln nicht lange mit Theorien, sondern transportieren ihn ab nach Gadara – dorthin, wo nach dem Gesetz der Wüste die Hälfte des Diebesguts als Belohnung wartet. Ein schmutziger, zynischer, aber handfester Akt in einem Meer aus steriler Eloquenz.

Was das Buch so lesenswert macht, ist Ammons stupende literarische Collagetechnik. Er verwebt historische Linien mit dadaistischen Sprachexperimenten, Popkultur und Songzitaten von Route 66 bis Queen. Das hat den irrwitzigen Tempowechsel von Monty Python und die satirische Schärfe eines Johann Nestroy. Hinter dem burlesken Stimmengewirr verbirgt sich eine zutiefst deprimierende Diagnose: Wir leben in einer Kultur des Wegredens, in der konkretes Handeln durch einen gigantischen Wortwust ersetzt wurde. Ein unbequemes, kluges und bitterböse-witziges Buch, das den Leser amüsiert, irritiert und am Ende tief beschämt entlässt.

Bibliografische Daten:
Philipp Ammon: Get your Kicks. Ein altes Gleichnis. Moloko Print, Schönebeck 2025. 72 Seiten, 15,00 Euro. ISBN 978-3-910431-94-2.

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