Die «Albanisierung» des Südkaukasus
Oft wird versucht, selbst „gemauerte Zeugen der Geschichte“ umzudeuten, um die Geschichte zu verfälschen. Aserbaidschan erklärt Kirchen und Klöster im Südkaukasus für «albanisch» und somit für das «wahre Kulturerbe» seiner Ahnen.
Mitte September hat die aserbaidschanische Regierung das diplomatische Korps des Landes zu einem zweitägigen Besuch in Berg-Karabach eingeladen. Mit rund 150 Vertretern aus 58 Ländern und neun internationalen Organisationen reisten aus der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku in diese ferne, gebirgige Region praktisch alle diejenigen mit, die in der Diplomatie des Südkaukasus eine Rolle spielen wollten.
«frozen conflicts»
Die internationale Diplomatie zählte den Konflikt um Berg-Karabach jahrzehntelang zu den sogenannten „frozen conflicts”, den „ruhig gestellten” Konflikten. Wie bei vielen, anderen Konflikten im Raum der Ex-Sowjetunion handelte es sich auch bei Berg-Karabach um ein Erbe Josef Stalins. Obwohl sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung (damals bis zu 90 Prozent) aus Armeniern zusammensetzte, ordnete Stalin die kleine Region in den 1920er Jahren dem Territorium Aserbaidschans zu. Die Rechnung für diese „Teile-und-Herrsche”-Strategie zahlten die Völker im Südkaukasus 70 Jahre später.
Der erste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach brach aus, als ein sogenanntes «Austrittsgesetz» der UdSSR vom 3. April 1990 den sowjetischen Republiken sowie autonome Regionen dazu ermächtigte, über ihre Zukunft selbst zu entscheiden. Berg-Karabach, das eine autonome Region war, entschied sich im Dezember 1991 für die Unabhängigkeit.
De facto war Berg-Karabach jedoch von Einheiten der Roten Armee und aserbaidschanischen Milizen umstellt, seit die armenische Mehrheit seiner Bevölkerung im Februar 1988 ihre Abspaltung von der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik und ihre Vereinigung mit Armenien beschlossen hatte. Der bekannte polnische Journalist Ryszard Kapuściński, ein Zeitzeuge, schreibt in seinem Standartwerk „Imperium” darüber: „Sie kontrollierten alle Zufahrtswege, Straßen, Wege und Pfade, die Schluchten, Felsvorsprünge, Gebirgspässe, Klüfte und Berggipfel … Dieser gottverlassene Winkel ist hermetisch abgeriegelt.”
Ein Konflikt wie zwischen Israel und Palästina
Aserbaidschan machte umgehend sein Recht auf territoriale Integrität und Unverletzbarkeit seiner Grenzen geltend – und begann den Krieg. Dieses Recht ist im Völkerrecht verankert. Im Schatten des Konflikts trieb Baku dabei seine rund 400.000-köpfige armenische Minderheit gnadenlos in die Flucht. Die Pogrome Sumgait (1988) und in Kirowabad (1989) sowie der große Exodus der einheimischen Armenier – darunter viele einflussreiche Wissenschaftler, Sportler und Künstler – gingen als die erste Kollektivstrafe im Namen des aufmüpfigen Berg-Karabachs in die Geschichte des Südkaukasus ein.
Es sollte nicht dabeibleiben. Seit Kriegsbeginn berief sich Armenien auf das Recht der Völker auf Selbstbestimmung, das ebenfalls im Völkerrecht verankert ist. Dabei nützte auch die armenische Führung die Wirren des Kriegs, um die rund 200.000-köpfige aserbaidschanische Minderheit des Landes kollektiv zu bestrafen und sie schließlich gnadenlos zu vertreiben.
Zur Armee der Verstossenen kamen nach 1993 eine weitere halbe Million Aserbaidschaner hinzu, die gezwungen wurden, die sieben von Armeniern besetzten Provinzen Aserbaidschans rund um Berg-Karabach zu verlassen.
Ab 1994 zählte die internationale Diplomatie den Konflikt um „Berg-Karabach” zu den angeblich „frozen conflicts”. Der gegenseitige Hass und das Misstrauen zwischen den beiden Völkern war inzwischen so groß, dass Historiker den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan oft mit dem schwer lösbaren Konflikt zwischen Israel und Palästina verglichen.
Eine alltägliche Geschichte unserer Zeit?
Berg-Karabach konnte seine Selbstverwaltung bewahren, bis Aserbaidschan in enger Allianz mit der Türkei und Israel Berg-Karabach massiv mit Drohnen angriff. Armenien hatte gegenüber einer solchen militärischen Übermacht keinerlei Chancen – und erlitt eine vernichtende Niederlage.
Zwei Jahre später nahm Baku den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zum Anlass, respektiv zum Beispiel und besetzte zum ersten Mal auch armenisches Territorium.
Ein Jahr später griff die aserbaidschanische Armee das inzwischen wehrlose Berg-Karabach erneut an. Die gesamte Bevölkerung von rund 120.000 Menschen floh in Panik. Karabach-Armenier konnten sich ein Leben unter der Kontrolle Ilham Alijews kaum vorstellen. Wie im Jahr 1988 hatte seine Regierung auch im Jahr 2023 Berg-Karabach neun lange Monate belagern und Kinder, Frauen und alte Menschen ohne Nahrung, ohne Medizin und Heizung gelassen.
Der Krieg in Berg-Karabach hat das geopolitische Machtverhältnis im Südkaukasus inzwischen grundlegend verändert. Der Einfluss von Russland und Armenien schrumpfte dabei auf ein Minimum. Die «türkische» Achse zwischen Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew und der Türkei wurde dagegen zum unbestrittenen Machtfaktor der Region. Ilham Alijew, der zudem über enorme Energievorkommen verfügt, fühlt sich nun stark genug, um die Geschichte des Südkaukasus neu zu schreiben. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Der Ausflug der Diplomaten
Dreissig Jahre lang galt Berg-Karabach für die internationale Diplomatie als eine Art «No-Go-Area». Kein Diplomat traute sich den Weg dahin. Diesmal wurde die vielköpfige Delegation aber vom Präsidentenberater Hikmet Hajiyew persönlich begleitet. Hajiyew führte seine hochrangigen Gäste durch die Viertel der regionalen Hauptstadt und zeigte ihnen voller Stolz, wie riesige Baumaschinen emsig ständig neue Viertel aus dem Boden stampfen. Er schwärmte, die Bauindustrie werde das Antlitz „Khankendis” – für seine Einheimischen immer noch Stepanakert – bald radikal verändert haben.
Gemeinsam besuchten sie schließlich das berühmte Kloster „Gandsassar” (auf armenisch «Schatzberg»). Das architektonische Juwel aus dem Mittelalter, so machte Hikmet Hajiyew seinen Gästen klar, sei, nicht „armenisch”, wie die Armenier immer behaupteten, sondern in Wahrheit „kaukasisch-albanisch”. Überhaupt seien Kirchen und Klöster im Südkaukasus „kaukasisch-albanische” Bauten. Hikmet Hajiyew gilt in Baku als begnadeter Propagandist. Hatte er die Tour der Diplomaten bewusst als raffiniertes Instrument konzipiert, um die «Albanisierungsthese» vor Ort zu propagieren?
Ein wirres Geschichtsnarrativ
Die „Albanisierungsthese” bildet jedenfalls den Kern von Aserbaidschans neuer Kulturpolitik. Sie geht auf den aserbaidschanischen Offizier und Historiker Zia Buniatov (1923–1997) zurück, der sie in den 1960er Jahren entwickelte. Ihr zufolge errichtete das autochthone christliche Volk der „kaukasischen Albaner“ (*1) die Sakralbauten im Südkaukasus. Die Armenier seien dagegen erst im 19. Jahrhundert im Zuge der russischen Expansion als späte Invasoren aufgetaucht und hätten die albanischen Sakralbauten durch nachträglich angebrachte Inschriften und Spuren verfälscht.
Zia Buniatov erklärte die heutigen Aserbaidschaner ausserdem zu den direkten und alleinigen Nachfahren der christlichen kaukasischen Albaner. Zugegebenermassen, es braucht eine gewisse Fantasie, um Buniatovs Geschichtsverständnis nachzuvollziehen. Das Gebiet, auf dem sich heute der Staat Aserbaidschan befindet, war seit dem 8. Jahrhundert überwiegend von Muslimen besiedelt.
Die internationale Geschichtsforschung lehnt das in Baku vertretene Geschichtsnarrativ als nationalistisches Konstrukt ab. Ihrer Einschätzung nach dient es der politischen Führung vor allem dazu, territoriale Ansprüche gegenüber den schwächeren Nachbarstaaten zu rechtfertigen. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Ein Aufschrei geht durch Armenien
Seit die ersten Bilder aus Berg-Karabach in den sozialen Medien kursieren, wächst in Armenien die Sorge um das zurückgelassene Kulturerbe breit.
Dass es bei den Sakralbauten Berg-Karabachs um vornehmlich armenische Denkmäler handelt, steht in zahlreichen internationalen Dokumenten festgeschrieben. In der Resolution des Europäischen Parlaments vom 10. März 2022 ist beispielsweise die Rede von «1.456 Denkmäler, die überwiegend armenisch sind und nach dem Krieg 2020 unter aserbaidschanischer Kontrolle» stehen. Der Internationale Gerichtshof (IGH) verfügte in seiner Anordnung einstweiliger Maßnahmen vom 7. Dezember 2021 zudem, dass Aserbaidschan alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen müsse, um Akte des Vandalismus und der Schändung am armenischen Kulturerbe zu verhindern und zu bestrafen, darunter Angriffe auf Kirchen, Denkmäler, Wahrzeichen, Friedhöfe und Artefakten» (*2)
In der armenischen Bevölkerung macht sich ein Gefühl der Ohnmacht breit. Der amerikanisch-armenische Politikwissenschaftler Johnny Melikyan hält in seinem Bericht ‘Vae Victis’ Is Not a Strategy: Why Lasting Peace Cannot Rest on Forced Realities vom 14. September fest: „Ganze historische Wohnviertel in Stepanakert werden systematisch planiert, jahrhundertealte armenische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und Friedhöfe geschändet. All dies stimmt mit Lemkins Rahmenkonzept für kulturelle Zerstörung überein. Auf die physische Vertreibung einer Bevölkerung folgt die systematische Auslöschung ihrer historischen Spuren. Dem entvölkerten Gebiet wird die Identität des Eroberers aufgezwungen.“ Raphael Lemkin prägte nach dem Zweiten Weltkrieg den Begriff des Genozids und trug massgeblich dazu bei, ihn als Verbrechen im internationalen Recht zu verankern.
Falsch verstandene «Realpolitik»
Setzt sich am Ende das Recht der Macht durch – oder doch die Macht des Rechts? Nach dem zweiten Wahlsieg Donald Trumps setzen die USA und Russland ihre Interessen durch, indem sie sich unverhohlen am Recht des Stärkeren orientieren. Ihr Beispiel findet treue Nachahmer – wie in Aserbaidschan, in Israel, in Sudan und anderswo.
Politiker der Europäischen Union werden oft der Doppelmoral bezichtigt. Im Falle der Ukraine treten sie für Werte und Prinzipien der Demokratie und für die Macht des Rechts ein (obwohl es diese in der Ukraine gar nicht gibt. Red.). Gegenüber Ilham Alijew sind sie hingegen elastisch und zeigen Verständnis selbst für seine abwegige Albanisierungstheorie. Magdalena Grono, die EU-Sonderbeauftragte für den Südkaukasus, schrieb nach ihrem Besuch in Berg-Karabach in ihrem Beitrag auf X: „Tief divergierende Ansichten und Erzählungen bleiben bestehen, zum Beispiel über die Herkunft einiger Stätten in der Region.”
Dass Frau Grono, begleitet vom engsten Berater von Wladimir Putin, in die Krim reisen und sich vom neuen russischen Geschichtsnarrativ überzeugen lassen würde, erscheint vorläufig höchst unwahrscheinlich. (Zur Meinung der Menschen auf der Krim siehe hier, Red.)
Diese Diskrepanz wird in Brüssel als «Realpolitik» bezeichnet. Um den russischen Autokraten zu schwächen, so das Narrativ in Brüssel, wird Aserbaidschans Präsident Alijew hofiert. Alijew wird von internationalen Menschenrechtsorganisationen und Institutionen allerdings zu den schlimmsten Autokraten der Welt gezählt.
Dasselbe Phänomen wiederholt sich am Rande Europas. Um die Demokratie in Westeuropa vor autokratischen Regimen zu schützen, werden von den USA, der EU und der NATO Regime unterstützt, die selbst wenig mit Demokratie zu tun haben. So konnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in den letzten zwei Jahren kritikfrei seine politische Opposition hinter Gitter bringen, die Überbleibsel der unabhängigen Presse ausschalten und die Justiz ganz seiner Kontrolle unterwerfen. Autokraten ahmen in der Regel Autokraten nach. Sie werden nicht liberaler. So wurden in der Türkei allein im September 1270 digitale Accounts gesperrt. Darunter befand sich auch die Website der Nachrichtenplattform T24, die sich in den letzten 17 Jahren als großes unabhängiges Medienunternehmen behaupten konnte. Ganz nach dem Vorbild Putins ließ Erdoğan Anfang Oktober außerdem ein neues Gesetz gegen Obszönität erlassen. Die Büros der LGBTI+-Gemeinschaft wurden gestürmt und über 100 Personen festgenommen. Die Operation lief unter dem Namen „Meine Familie – in Sicherheit”.
Links falls erwünscht:
Zur Sperrung digitaler accounts und der Lage in der Türkei hier und hier.
und ich benütze oft BIANET
https://bianet.org/haber/court-orders-access-ban-on-bianets-x-account-324192
zum Gesetz der Obszönität und Festnahmen ebenso BIANET
(*1) Kaukasisches Albanien
Ein christliches „Albanien” hat auf dem Gebiet des heutigen Südkaukasus tatsächlich existiert. Die albanische Kirche war eng mit der armenischen verbunden. Ihr Kirchenoberhaupt residierte im 14. Jahrhundert angeblich im Kloster Gandsassar. Ihre Spuren verschwinden allerdings im Laufe der folgenden Jahrhunderte. Siehe hier.