Die Panzerschlacht bei Kursk 1943, besser bekannt als “Unternehmen Zitadelle", war eine erste entscheidende Niederlage der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Sie forderte auf russischer Seite über 800'000 Tote, auf deutscher Seite über 200'000. (Foto Bundesarchiv)

Der Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg: Das sind die Fakten!

Jahrelang prägte das sogenannte „Normandie-Format“ die Versuche der Staatengemeinschaft, den Konflikt in und um die Ukraine mit friedlichen Mitteln zu lösen. Das Normandie-Format geht zurück auf ein Treffen der Staats- bzw. Regierungschefs der Länder der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition in der Normandie am 6. Juni 2014 aus Anlass des siebzigsten Jahrestags der Landung der Westalliierten im Zweiten Weltkrieg. Die Pflege der Erinnerung an die Operation „Overlord“ dient den damals beteiligten Nationen – allen voran den USA und Großbritannien – bis heute zur Legitimation ihres Führungsanspruchs in der Weltpolitik. Gerne wird dabei kolportiert, die alliierte Landung in der Normandie sei die entscheidende Operation des Zweiten Weltkriegs gewesen. Sie war wohl die spektakulärste Operation der Westalliierten im Zweiten Weltkrieg, aber die entscheidende war sie nicht. In diesem Punkt wird die Geschichte instrumentalisiert, gerade jüngst auch wieder durch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der am 15. November in Bali den „D-Day“, die Landung der Alliierten in der Normandie, als „turning point“ , als Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges bezeichnete (1). 

Mit ihrer Landungsoperation in der Normandie erfüllten die Westalliierten eine Forderung, welche die sowjetische Seite schon seit langem erhoben hatte: Die Errichtung einer zweiten Front in Europa war wohl das wichtigste Anliegen Stalins an die Westalliierten, seit das nationalsozialistische Dritte Reich die Sowjetunion am 22. Juni 1941 überfallen hatte. Die sogenannte „Ostfront“ stellte von 1941 bis 1944 für die Deutschen den bei weitem bedeutendsten Kriegsschauplatz dar. Bis zur Landung in der Normandie erlitt die deutsche Wehrmacht mehr als 90 Prozent ihrer personellen Verluste an der Ostfront. Auch nach der Eröffnung neuer Fronten in Italien 1943 und in Frankreich 1944 kämpften bis Kriegsende stets zwischen 60 und 80 Prozent aller deutschen Heerestruppen an der Ostfront (2).

Alliierte Konferenzen

Nach der Bildung der Anti-Hitler-Koalition auf der Arcadia-Konferenz vom 22. Dezember 1941 bis zum 14. Januar 1942 in Washington erzielten die Teilnehmerstaaten Einigkeit darüber, dass Europa als vorrangiger Kriegsschauplatz zu betrachten sei („Germany first“).  Die Westalliierten versprachen, eine zweite Front gegen die Achsenmächte zu errichten, um die Sowjetunion zu entlasten. Die sofort notwendige Unterstützung der Sowjetunion sollte zunächst durch materielle Hilfslieferungen, durch Luftangriffe auf Deutschland, sowie durch die Vertreibung der Achsenmächte aus Nordafrika erfolgen (3). Die Westalliierten waren sich aber dessen bewusst, dass eine Entscheidung im Krieg gegen das Dritte Reich ohne eine Bodenoperation nicht zu erzielen sei. Die Eröffnung einer zweiten Front gegen Deutschland auf dem europäischen Kontinent wurde für das Jahr 1943 in Aussicht gestellt, ohne dass die Westalliierten einen genauen Zeitpunkt benannten. 

Anlässlich seiner Besuchsreise nach London und Washington im Mai 1942 forderte der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow von Churchill und Roosevelt eine westalliierte Operation, welche die deutsche Wehrmacht zum Abzug von 40 Divisionen aus der Sowjetunion zwingen sollte (4).

Auf der Moskauer Konferenz vom 12. bis 17. August 1942 besprachen Stalin, Churchill und US-Botschafter Harriman die Pläne der Alliierten für den Krieg in Nordafrika und für die Errichtung einer zweiten Front in Frankreich. Die Konferenz fand vor dem Hintergrund einer schwierigen Lage statt: Mit dem Fall von Singapur am 15. Februar 1942 hatten die Briten die größte Niederlage ihrer Militärgeschichte einstecken müssen. In Nordafrika mussten sie nach der Kapitulation der Garnison von Tobruk am 20. Juni den Rückzug nach El Alamein antreten. Dazu kam wenige Tage später der Beginn der deutschen Sommeroffensive in Südrussland („Unternehmen Blau“), mit welcher die Deutschen den definitiven Sieg über die Sowjetunion zu erringen hofften.

Auf der Casablanca-Konferenz im Januar 1943 sah die Lage schon anders aus: In Nordafrika waren Deutsche und Italiener entscheidend geschlagen und in Stalingrad war die deutsche 6. Armee eingeschlossen worden. Auf dieser Konferenz stellten die Sowjets erneut ihre Forderungen nach einer zweiten Front, deren Eröffnung auf den Herbst 1943 verschoben wurde. Die Sowjets argwöhnten, dass die Westmächte absichtlich die Errichtung der zweiten Front verzögerten, um vom abzusehenden Schwächemoment der Roten Armee zu profitieren, nachdem Deutschland und die Sowjetunion gegenseitig ihre Kräfte abgenutzt hätten (5).

Im Herbst 1943 wurde auf der Teheran-Konferenz der Zeitpunkt für eine Invasion in Frankreich auf das folgende Frühjahr festgelegt. Seit der Casablanca-Konferenz hatte die deutsch-italienische Panzerarmee in Afrika bei Tunis die Waffen gestreckt, amerikanische und britische Truppen waren im Süden Italiens gelandet, und Italien hatte kapituliert. Angesichts der auf deutscher Seite eingesetzten Kräfte musste jedoch allen Beteiligten klar sein, dass das Engagement der Westalliierten hier nicht ausreichte, um das Dritte Reich zum Zusammenbruch zu bringen. Beschaffenheit und Ausdehnung der italienischen Halbinsel ließen den Einsatz der ca. 80 Divisionen, welche Briten und Amerikaner für eine Invasion in Europa bereitstellten, nicht zu (6). Mit einer Breite von maximal 240 km, öfter aber von um die 150 km, bot die Apennin-Halbinsel bestenfalls Platz für die Hälfte davon. Eine solche Streitmacht genügte nicht, um Deutschland zum Abzug der geforderten 40 Divisionen von der Ostfront zu nötigen.

Karte: Italienischer Kriegsschauplatz November 1943
Quelle: Naples Foggia, Allied Gains 1943, bei World War II Maps, Center for Military History (7), Ergänzungen: Verfasser

Auf der Moskauer Außenministerkonferenz vom 19. Oktober bis 1. November 1943 vereinbarten die Außenminister der USA, Großbritanniens und der UdSSR (Hull, Eden und Molotow) unter anderem den Eintritt der UdSSR in den Krieg gegen Japan nach der Niederlage Deutschlands. Dies ist bemerkenswert, denn in Bezug auf die zweite Front in Europa wurden die Sowjets erneut vertröstet. 

Nordwesteuropa war der einzige Raum, in welchem die Westalliierten ihre im Aufbau begriffene militärische Macht zur Entfaltung bringen konnten. Nachdem sie die Reste ihres Expeditionskorps bei Dünkirchen vom Kontinent abgezogen hatten, machten sich die Briten daran, ihre Streitkräfte wiederaufzubauen. Die britische Armee wuchs bis zum Kriegsende auf eine Stärke von über 50 Divisionen auf (8). Auf der anderen Seite des Atlantiks führte die Mobilisation in den USA zur Aufstellung von total 91 Divisionen. Die Amerikaner wünschten begreiflicherweise, dass ihre neu aufgebauten Verbände so rasch als möglich gegen den Hauptfeind Deutschland eingesetzt würden, anstatt tatenlos in Großbritannien herumzusitzen (9). Angesichts der Nähe zum deutschbesetzten Teil Europas war an einen Abzug von namhaften Kräften aus England aber nicht zu denken, denn das britische Mutterland durfte nicht entblößt werden. Eine Invasion auf dem europäischen Kontinent musste zwingend aus England erfolgen. 

Operationsplanungen

Vorprojekte zur später als „Overlord“ bekannt gewordenen Seelandungsoperation in der Normandie waren die Planungen unter den Decknamen „Roundup“ und „Sledgehammer“.

Frühe Versionen der Planung „Roundup“ basierten auf der Annahme, dass das Dritte Reich demoralisiert sei, nicht mehr an einen Sieg glaube und dass folglich die deutsche Wehrmacht nach einer alliierten Landung in Frankreich ihre Kräfte rasch an die Reichsgrenzen zurückziehe, um das Territorium Deutschlands zu verteidigen. Ziel der geplanten Operation war es, einen geordneten Rückzug der Wehrmachtsverbände aus Frankreich ins Reichsgebiet zu verhindern (10). Mit anderen Worten: „Roundup“ war als Operation gedacht, welche das Schwächemoment der Deutschen nach einer demoralisierten Niederlage ausnützen sollte. Die Frage, wer oder was Deutschland eine derartige Niederlage beibringen sollte, blieb aber offen. Zu Beginn der Planungen an „Roundup“ mag der Glaube an die Wirksamkeit des Luftkriegs oder der Waffenlieferungen noch wach gewesen sein, aber wenn die Briten gewartet hätten, bis das „Morale Bombing“ der alliierten Bomber die Moral der deutschen Bevölkerung brach, dann hätte die Landung in Frankreich bis Kriegsende nicht stattgefunden. Nach Lage der Dinge konnte ab Frühsommer 1941 eine demoralisierende Niederlage Deutschlands nur von Seiten der Sowjetunion kommen, denn alle anderen Gegner auf dem europäischen Kontinent hatte das Dritte Reich zu diesem Zeitpunkt besiegt.

Die Operationsplanung „Sledgehammer“ ging von der Annahme aus, dass der sowjetische Widerstand zusammenbreche und dass die Westalliierten dadurch zum Handeln gezwungen seien (11). Die US-amerikanischen Planer sahen in einer ersten Phase den Einsatz britischer Truppen vor, denn amerikanische waren 1942 noch kaum vorhanden. Diese sollten im Frühjahr 1943 folgen. Die Umsetzung des Plans war für den Sommer 1942 vorgesehen (12). Er sollte vor allem dann zum Zug kommen, wenn die Sowjetunion der deutschen Sommeroffensive 1942 („Unternehmen Blau“) nicht standhalten können sollte (13). 

In ihren Studien für eine Landungsoperation in Frankreich kamen die britischen Planer 1942 aber zur Erkenntnis, dass alliierte Luftstreitkräfte ausschließlich über dem Pas-de-Calais in der Lage sein würden, den notwendigen Schutz der Invasionsflotte und der Truppen vor deutschen Luftangriffen zu gewährleisten. Sollten die westalliierten Jagdflugzeuge gezwungen sein, diesen Schutz an weiter von England entfernten Küsten sicherzustellen, dann würde sich das Verhältnis zwischen An- bzw. Rückflug- und Aufenthaltszeit über dem Operationsraum zunehmend ungünstig gestalten. Es war abzusehen, dass die westalliierten Jagdflieger in diesem Fall bald überlastet werden würden. Landungen in der Normandie, in der Bretagne oder an der belgisch-niederländischen Nordseeküste waren folglich nicht durchführbar (14). Aber genau am Pas-de-Calais waren die Bedingungen für eine Landungsoperation am ungünstigsten, die deutschen Befestigungen am stärksten. Eine Landung in Frankreich im Jahr 1942 hielten die Briten deswegen für nicht durchführbar und legten die Planungen dazu auf Eis (15). Als Alternative zu einer Landung in Frankreich wurden andere Kriegsschauplätze geprüft: Landungen in Norwegen, auf Sizilien, Sardinien, in Italien, Griechenland, dem Balkan oder dem Dodekanes (16). Aufgrund von Lage und Beschaffenheit des Kriegsschauplatzes war eine alliierte Invasion in Italien noch die für Deutschland gefährlichste Variante.

Das Problem des Jagdschutzes konnte erst gelöst werden, nachdem die Westalliierten Jagdflugzeuge großer Reichweite in genügender Zahl in England stationiert hatten. Und solche wiederum wurden erst in nennenswerter Anzahl in Dienst gestellt, nachdem die alliierten Bomberverbände bei ihren Einsätzen tief ins deutsche Reichsgebiet hinein infolge mangelnden Jagdschutzes hohe Verluste erlitten hatten (17). 

Der Seekrieg im Atlantik

Eine der großen Fragen anglo-amerikanischer Strategie im Zweiten Weltkrieg war die Projektion US-amerikanischer militärischer Macht nach Europa. Diese Aufgabe konnte nicht gelöst werden, solange die Seewege über den Nordatlantik nicht sicher waren.

Während die Codebrecher vom Blechley Park, die den Code der deutschen „Enigma“-Verschlüsselungsmaschine knackten, mittlerweile weltberühmt waren, gerieten zwei Protagonisten des alliierten Siegs im Atlantik weitgehend in Vergessenheit: Admiral Max Horton und Kapitän zur See Frederick John Walker sind außerhalb von Liverpool heute wohl nur noch Experten bekannt. Am 17. November 1942 wurde Admiral Horton zum Oberbefehlshaber des Western Approaches Command mit Sitz in Liverpool ernannt und war damit für die Sicherheit der westalliierten Geleitzüge aus Nordamerika nach Nordengland verantwortlich. Horton war im Ersten Weltkrieg selbst ein erfolgreicher U-Boot-Kommandant gewesen. Unter seinem Kommando diente auch Kapitän Walker, ein eigentlicher Experte in der U-Boot-Jagd. Er hatte im Dezember 1941 schon an der erfolgreichen Verteidigung des Konvois HG-76 von Gibraltar nach England teilgenommen. Dabei verloren die Deutschen nicht weniger als fünf U-Boote. Es war dies der erste alliierte Sieg bei der Verteidigung eines Konvois in der Atlantikschlacht (18). 

Unter der Leitung Hortons entstanden Begleitverbände für Konvois, sogenannte Escort Groups, und U-Jagd-Verbände, Support Groups, deren wichtigster Bestandteil speziell ausgerüstete Schiffe wurden, primär Korvetten der Flower– und Fregatten der Captains-Klasse (19). Parallel dazu bauten die Alliierten im Frühjahr 1943 auch Langstrecken-Bomber zu eigentlichen U-Jagd-Flugzeugen um und stationierten diese auf Grönland und Island. Ausgerüstet mit verbesserten Radargeräten und hydroakustischen Sensoren vermochten alliierte Flugzeuge und Schiffe in der Folge, deutsche U-Boote sowohl unter als auch über Wasser zu orten. Damit gab es für deutsche U-Boote keine sicheren Seegebiete mehr im Nordatlantik. 

Im Frühjahr 1943 errangen die deutschen U-Boote allerdings noch große Erfolge: Besonders bitter für die Westalliierten war die Niederlage im Kampf um den Geleitzug HX 229: Als Teil der HX-Geleitzugserie zur Versorgung Großbritanniens fuhr dieser am 8. März 1943 in New York ab und traf am 23. März in Liverpool ein. Er verlor durch deutsche U-Boote 13 Frachtschiffe, während auf deutscher Seite ein einziges U-Boot verloren ging (20). Damit war HX 229 der verlustreichste HX-Geleitzug des Kriegs im Nordatlantik.

Die Anstrengungen der Royal Navy zahlten sich in der Folge aber aus: Bei den Angriffen auf die Konvois HX 233 bis 237 im April 1943 erlitt die deutsche U-Boot-Flotte herbe Verluste. Nachdem im Mai 1943 nicht weniger als 43 deutsche U-Boote versenkt worden waren, sah sich der Befehlshaber der deutschen U-Boot-Flotte, Admiral Karl Dönitz, am 24. Mai 1943 gezwungen, die Operationen gegen Konvois vorübergehend einzustellen. Die deutschen U-Boote verlegten ihren Operationsraum vom Nordatlantik in andere Seegebiete. Die folgenden Geleitzüge HX 240 bis HX 253 konnten deshalb ungehindert den Nordatlantik überqueren (21). Erst die Erfolge im Kampf gegen die deutschen U-Boote schufen überhaupt die Voraussetzungen für den Aufbau einer Invasionsstreitmacht in Großbritannien, die unter dem Decknamen „Bolero“ lief.

Abbildung: Statistik der U-Boot-Verluste der deutschen Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg.
Quelle: Verbleib der deutschen WK-II U-Boote (22)

Mangel an Landungsbooten

Eine Seelandungsoperation an einer westeuropäischen Küste war wenig erfolgversprechend, solange die deutsche Wehrmacht handlungsfähig war. Wenn eine westalliierte Landungsoperation tatsächlich die Deutschen zwingen sollte, 40 Divisionen vom osteuropäischen Kriegsschauplatz abzuziehen und nach Frankreich zu verlegen, dann musste die Invasionsstreitmacht auch dem Angriff von 40 deutschen Divisionen standhalten können. Und das war nur die zahlenmäßige Untergrenze, denn die westalliierten Planer mussten damit rechnen, dass die Wehrmacht auch ihre in Frankreich liegenden Verbände zum Angriff einsetzen würde. Eine deutsche Gegenoffensive im Umfang von 50 bis 60 Divisionen, von welcher die britischen und amerikanischen Planer ausgingen, war sicherlich eine realistische Größenordnung (23). 

Karte: Kräfteverhältnisse in Westeuropa im Juni 1944
Quelle: Rudy Passera: 1944, German Soldiers in Normandy Struggle, in: The Normandy American Heroes Blog, World War Two, Normandy and More (24), Ergänzungen: Verfasser.

Eine genügend starke Invasionsstreitmacht musste aber erst einmal an die Küste Frankreich gebracht werden. Das einzige Mittel hierfür waren natürlich Landungsboote. Amerikaner und Briten entwickelten Landungsboote, welche über speziell geformte Bugrampen verfügten, welche das rasche Absetzen von Truppen, Panzern, Geschützen und Fahrzeugen erlaubten. Solche standen im Jahr 1942 noch nicht in genügender Anzahl zur Verfügung: Sie mussten erst gebaut und nach England geschafft werden (25).

Fazit

Die Operation „Overlord“, die Landung der Westalliierten in Frankreich, war nie als entscheidende Operation angelegt worden, sondern erst als Operation zur Ausnutzung einer vorteilhaften Lage, 1942 als Notmaßnahme zur Rettung der Roten Armee (allerdings mit geringen Erfolgsaussichten) und 1944 schließlich als unterstützende Operation für diese. Im Sommer 1942, als die Rote Armee am dringendsten einer Unterstützung bedurft hätte, konnte die Landungsoperation nicht durchgeführt werden, weil die Vorbereitungen zu wenig weit gediehen waren. Ziel hätte es sein müssen, die Deutschen zum Abbruch der Sommeroffensive in Südrussland zu zwingen. Eine ähnliche Zielsetzung hätte im Sommer 1943 verfolgt werden müssen, nämlich der Abbruch der deutschen Vorbereitungen für die Offensive im Kursker Bogen („Unternehmen Zitadelle“). Erst die Erfolge der Roten Armee gegen die deutsche Wehrmacht ab der zweiten Hälfte des Jahres 1943 schufen die notwendigen Voraussetzungen für die Durchführung der Normandie-Landung im Juni 1944. Deren Gelingen trug zweifelsohne zum Zusammenbruch Deutschlands bei, aber ein Wendepunkt war sie nicht. 

Wer behauptet, die Landung der Westalliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 sei die entscheidende Operation und Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs gewesen, verkennt sowohl den Beitrag der Sowjetunion zu ihrem Gelingen als auch die Bedeutung des See- und des Luftkriegs. Gerade das Beispiel der Operation „Overlord“ zeigt, dass es sich lohnt, sich eine Übersicht über die historischen Ereignisse zu verschaffen, bevor man unkritisch einseitige Narrative übernimmt.  

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Meinungen in Beiträgen auf Globalbridge.ch entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Autor: Ralph Bosshard studierte Allgemeine Geschichte, osteuropäische Geschichte und Militärgeschichte, absolvierte die Militärische Führungsschule der ETH Zürich sowie die Generalstabsausbildung der Schweizer Armee und arbeitete 25 Jahre als Berufsoffizier (Instruktor). Er absolvierte eine Sprachausbildung in Russisch an der Staatlichen Universität Moskau sowie eine Ausbildung an der Militärakademie des Generalstabs der russischen Armee. Mit der Lage in Osteuropa und Zentralasien ist er aus seiner sechsjährigen Tätigkeit bei der OSZE vertraut, in der er als Sonderberater des Ständigen Vertreters der Schweiz und Operationsoffizier in der Hochrangigen Planungsgruppe tätig war.

Anmerkungen

  1. Am G-20 Gipfel in Bali stimmte vor ein paar Wochen auch der ukrainische Staatspräsident Selenskyj in diesen Chor ein. Siehe seine Rede „Ukraine has always been a leader in peacemaking efforts; if Russia wants to end this war, let it prove it with actions – speech by the President of Ukraine at the G20 Summit„, online unter https://www.president.gov.ua/en/news/ukrayina-zavzhdi-bula-liderom-mirotvorchih-zusil-yaksho-rosi-79141
  2. Siehe Rüdiger Overmans: Menschenverluste der Wehrmacht an der „Ostfront“, Tabelle 5, S. 13, online unter https://www.stsg.de/cms/sites/default/files/dateien/texte/Overmans.pdf.  Von Juni 1941 bis Mai 1944 fiel der Anteil der Verluste an der „Ostfront“ im Vergleich zu den Gesamtverlusten der Wehrmacht nie unter 90%. Vgl. Militärgeschichtliches Forschungsamt MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Stuttgart 1990, Band 8, S. 251.
  3. Siehe Gordon A. Harrison: US Army in World War II, European Theater of Operations, Cross-Channel Attack, S. 9 online unter  http://www.ibiblio.org/hyperwar/USA/USA-E-XChannel/USA-E-XChannel-1.html.
  4. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 24. Vgl. „Molotov visits Washington„, bei: WW2History.com, online unter http://ww2history.com/key_moments/Western/Molotov_visits_Washington
  5. Siehe Lothar Gruchmann: Der Zweite Weltkrieg. Kriegführung und Politik, 7. Auflage, München 1982, S. 359.
  6. Bis zum Kriegsende in Europa setzten die US-amerikanischen 6. und 12. Army Groups (Heeresgruppen) fast 60 Divisionen ein, die britische 21. Army Group deren 18. Dazu kamen noch 12 frei-französische und 1 polnische Division. 
  7. Online unter https://history.army.mil/brochures/naples/map3.JPG
  8. Siehe Chris Summers: The time when the British army was really stretched, bei BBC News, 23.07.2011, online unter https://www.bbc.com/news/magazine-14218909. Die britische Armee wuchs auf eine Stärke von über 50 Divisionen auf, von denen nicht alle zum Einsatz kamen. Auflösungen und Neuaufstellungen können hier bei verschiedenen Autoren zu leicht abweichenden Zahlen führen. Zur Expansion der US-Army siehe Allyn Vannoy: U.S. Involvement in WWII: How (and How Much) the Military Grew, bei: Warfare History Network, online unter https://warfarehistorynetwork.com/us-involvement-in-wwii-how-the-military-grew/. Vgl. „US Army bei Kriegsbeginn“, bei: Weltkrieg2.de, 10.10.2022, online unter https://www.weltkrieg2.de/us-army-bei-kriegsbeginn/#:~:text=Bis%20Dezember%201944%20befanden%20sich,f%C3%BCr%20andere%20Einheiten%20wieder%20aufgel%C3%B6st
  9. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 36.
  10. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 6f
  11. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 11f.
  12. Siehe Warren F. Kimball: Stalingrad und das Dilemma der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. In: Jürgen Förster (Hrsg.): Stalingrad, Ereignis – Wirkung – Symbol. München 1992, S. 329 f.
  13. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 16.
  14. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 12, 22f.
  15. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 32f.
  16. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 27, 35, 37.
  17. Dazu gehörten insbesondere die US-amerikanischen Jagdflugzeuge der Typen Lockheed P-38 Lightning (siehe https://www.militaryfactory.com/aircraft/detail.php?aircraft_id=74), Republic P-47 Thunderbolt (siehe https://www.militaryfactory.com/aircraft/detail.php?aircraft_id=76) und North American P-51 Mustanghttps://www.militaryfactory.com/aircraft/detail.php?aircraft_id=77. Vgl. Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 18.
  18. Siehe HG Convoy Series, Arnold Hague Convoy Database: Convoy HG.76, online unter http://www.convoyweb.org.uk/hg/index.html?hg.php?convoy=76!~hgmain
  19. Siehe zu diesem Schiffstyp „Allied Warships, Corvettes, Flower class„, bei: Uboat.net, online unter https://uboat.net/allies/warships/class.html?ID=42, und bei Navypedia, online unter http://navypedia.org/ships/uk/brit_o_esc_flower.htm. Zur Captains– bzw. Evart-Klasse siehe die Homepage der Captain Class Frigate Association, online unter http://www.captainclassfrigates.co.uk/index_1.html
  20. Vgl. LEMO Lebendiges Museum Online, Der Zweite Weltkrieg, Kriegsverlauf, der Seekrieg, online unter https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/seekrieg.html. Vgl. auch „1943 Mai“ bei Jürgen Rohwer, Gerhard Hümmelchen: Chronik des Seekrieges 1939-1945, herausgegeben von der Bibliothek für Zeitgeschichte, Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart 2007 bis 2022, online unter https://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/43-05.htm
  21. Siehe HX Convoy Series, Arnold Hague Convoy Database: Convoy HX.233, online unter http://www.convoyweb.org.uk/hx/index.html
  22. Online unter http://www.kbismarck.com/u-boot/uverluste-wetzel.htm.
  23. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 29. 
  24. Online unter https://www.normandyamericanheroes.com/blog/1944-german-soldiers-normandy-struggle.
  25. Siehe Harrison, US Army in World War II, a.a.O., S. 16, 38. Für eine Übersicht über Landungsboote siehe Types of Landing Craft of World War II Infographic, bei: Encyclopaedia Britannica, online unter https://www.britannica.com/story/20-under-40-young-shapers-of-the-future-architecture-urban-studies-and-engineering.