Noch sind nicht viele Plätze besetzt, aber der Saal füllt sich kontinuierlich ... (Foto Ulrich Heyden)

Das russische Rätsel – Modernität und Glockengeläut im Doppelgespann

Wie kommt es, dass Russland nach fast fünf Jahren Ukraine-Krieg immer noch politisch stabil ist? Warum demonstrieren die Menschen in Frankreich und Italien, die Menschen in Russland aber bleiben ruhig? Ist etwas dran an der Behauptung, die Russen seien besonders leidensfähig? Kann es sein, dass der russisch-orthodoxe Glauben, die Hoffnung auf eine bessere Welt – im Diesseits oder im Jenseits – den Menschen Halt gibt? Diese Fragen stellte ich mir nach dem Besuch eines Konzertes in Moskau, in dem die Chor-Sinfonie „Glockengeläute“ von Waleri Gawrilin (1930-1999) aufgeführt wurde.

Den neuen Moskauer Konzertsaal Sarjadje, der 2018, zeitgleich mit dem gleichnamigen Park in direkter Nachbarschaft zum Roten Platz entstand, hatte ich immer belächelt. Ich fand, dass dieses futuristisch anmutende Gebäude aus Stahl und Glas nicht in das historische Zentrum von Moskau passt. Die Konzerthalle hat mit geschwungenen Linien zwar eine harmonische Form, aber sie wirkte auf mich fremd, wie ein aus dem Himmel kommender Ufo.

Nun hat sich mein Eindruck geändert. Ich habe ein Konzert in diesem Glaspalast besucht, das mich in die Vergangenheit Russlands führte und nachdenklich machte. 

Wir saßen im Großen Saal. Dort gibt es eine perfekte Akustik, geschaffen von dem Japaner Yasuhisa Toyota. Er hat auch die Akustik für die Elb-Philharmonie in Hamburg eingerichtet.  

Ein neuer Touristenmagnet

Wo sich heute der Park Sarjadje und die gleichnamige Konzerthalle befinden, stand bis 2006 das „Rossija“, eines der berühmtesten Hotels in Russland. Es hatte 2.700 Zimmer und einen Konzertsaal mit 2.500 Plätzen. Das Hotel „Rossija“ war Ende der 1960er Jahre gebaut worden. Man hätte es modernisieren können, immerhin hatte es einen historischen Wert. Aber die politische Führung entschied sich, direkt am Roten Platz auf dem Terrain des abgerissenen Hotels einen Park mit verschiedenen für Russland typischen Landschaftszonen zu schaffen sowie eine neue Konzerthalle und ein neues, aber kleineres, Hotel zu bauen.

Anfang der 1990er Jahre gab es in Westeuropa eine Welle. Man baute in gewachsene Stadtzentren supermoderne Prestigebauten. Die Welle schwappte auch auf die Länder der ehemaligen Sowjetunion über. Berlin, Hamburg, Tbilissi, Baku, Moskau, St. Petersburg. Niemand wollte abseitsstehen. Alle wollten neue moderne, markante Wahrzeichen schaffen, welche Modernität und Zukunft symbolisieren und Touristenströme anziehen. 

Die Jugend kommt zum Zug

Als ich Ende Oktober die Sarjadje-Konzerthalle besuchte, war ich überwältigt von neuen Eindrücken. Im Foyer dieses ungewöhnlichen Gebäudes, welches 2018 nach einem Entwurf von russischen Architekten gebaut wurde, dachte ich zunächst, ich sei in einem Hotel. Alles war so glatt, so weiß, so hypermodern. Statt dem schummrigen Licht, wie in den alten Moskauer Konzertsälen, war alles hell erleuchtet. Durch riesige Glasfenster sah man einen Hof und die historische Mauer des alten Bezirks Kitai Gorod. 

Die Wände im Konzerthallen-Foyer waren mit hellbraunem Holz vertäfelt. Darauf sah man lange, weiße Reliefs, die aussahen wie geschwungene Wellen. 

An der Einlass-kontrolle wurde man, nicht wie sonst von streng blickenden Männern in dunkler Kleidung empfangen, sondern von jungen Leuten, nicht älter als 25 in einheitlich schwarz-weinrotem Outfit. Personen dieser Altersgruppe nahmen auch in der Garderobe, wo in Moskauer Konzertsälen sonst immer ältere Damen standen, die Mäntel ab. Junge Leute waren es auch, die am Büfett Kaffee und Snacks verkauften. Ich fragte mich, wo sind sie alle geblieben, die gütigen alten Damen, die, um ihre Rente aufzubessern, trotz ihres Alters unermüdlich schwere Mäntel vom Thresen bis zur Garderobe schleppten?

Auch in anderen öffentlichen Einrichtungen in Moskau, war mir schon aufgefallen, dass die älteren Damen und Herren nicht mehr zu sehen waren. Neulich in meiner Moskauer Sparkasse war ich sehr überrascht, keine Angestellten über 30 zu sehen. Offenbar gibt es eine Anweisung, vermehrt junge Leute einzustellen, damit sie möglichst schnell Berufserfahrung sammeln.  

Vorboten der Perestroika

Die größte Überraschung kam dann aber im Konzertsaal, wo wir die Chor-Sinfonie „Pereswony“ (Glockengeläute)[1] des Leningrader Komponisten Waleri Gawrilin hörten. Der Chor kam aus Swerdlowsk, einem Industriegebiet 1.700 Kilometer östlich von Moskau. Der Dirigent war Sergej Petrenko. 

Die Chor-Sinfonie „Glockengeläute“ wurde das erste Mal 1984 in Leningrad aufgeführt. Das Werk fiel in eine politisch bewegte Zeit. Ein Jahr später begann unter Michael Gorbatschow ein kompletter Umbau der sowjetischen Gesellschaft. Schon bevor der Umbau (Perestroika) unter Goratschow begann, hatten Künstler Projekte gewagt, die vorher nicht möglich waren. 

1985 wurde das Werk von Gawrilin, „Glockengeläute“, mit dem Staatspreis der Sowjetunion ausgezeichnet. Das war insofern bemerkenswert, weil diese Chor-Sinfonie keinerlei sozialistische Propaganda enthielt. Sie öffnete den Blick auf das Leben der einfachen Menschen und das Leben im russischen Dorf, wo die Religion trotz offizieller, kommunistischer Ideologie immer noch eine Rolle spielt.

Trauer und Freude in einem Atemzug

Das Werk von Gawrilin forderte von den Zuschauern erhöhte Aufmerksamkeit, denn es knüpfte nicht an bekannte Musik-Muster an. Ab und zu verließen Zuschauer den Saal. Das war nicht verwunderlich, denn eine derartige Musik hört man heute, wenn überhaupt, nur im Sparten-Radio „Kultura“.

Die 13 Episoden des Werkes handeln vom dörflichen Leben in Russland, von der Natur und von Gott, dem Beschützer, den man um Vergebung und um Schutz bittet. Der berühmte russische Komponist Georgi Swiridow lobte das Schaffen von Gawrilow als „von der ersten bis zur letzten Note von der russischen Melos (Klangwelt) durchdrungen.“ Gleich in der ersten Episode wird der Zuhörer mit einem typisch russischen Paradox konfrontiert, Trauer und Freude in einem Atemzug.

Die geschenkten Pferde – mir ist froh ums Gemüt
Die salzigen Tränen – mir ist froh ums Gemüt
Das Schicksal ist schlecht – meine Seele ist froh
Die Kraft ist groß – meine Seele ist froh

Die Chor-Gesänge, begleitet von Schlaginstrumenten und Glockenklang, breiteten sich wie Wellen in der Konzerthalle aus. Mal schwollen sie mit Dynamik und Lautstärke an, mal ebbten sie ab. 

Nicht nur Texte wurden gesungen, auch rhythmische Laute wie „hey, hey“ oder  „bom, bom“. Manchmal stampften die Sänger und Sängerinnen den Rhythmus mit den Füßen. 

Als besondere Leistung muss man wohl anerkennen, dass trotz dem Gemisch von an- und abschwellenden Gesängen, Solo-Einsätzen und wechselnden Rhythmen niemals ein Gefühl von Pause entstand. 

Volks- und Diebeslieder neu belebt

Der Komponist Gawrilin integrierte in sein Werk die Texte aus russischen Volks- und Diebesliedern. Die meist mehrstimmigen Gesänge fesselten wegen ihrer Schönheit. 

Die zweite Episode der Sinfonie trägt den Titel „Der Tod des Räubers“. Dort heißt es: „Ja, begrabt mich, Brüder-Räuber. Oi, ja, zwischen drei Straßen, in einer Kreuzung. Stellt mein Pferd an meinen Kopf, Brüder. In die rechte Hand gebt mir einen scharfen Säbel. Oi, ja, wer hier vorbeikommt, wird hier anhalten und wird sich wundern. Oi, ja, was liegt hier – ein Räuber, ein Fürsprecher armer Leute. Oh mein Gott! Und warum verzeihst du mir nicht, und nimmst nicht deinen Fluch von mir?“ [1]

Auf der Bühne saß vor dem Chor auf einem Stuhl der bekannte Schauspieler Sergej Garmasch. Er führte hin und wieder Selbstgespräche und Gespräche mit Gott. Die Worte des Sprechers und der Sänger wurden über der Bühne in Laufschrift – auf Russisch – angezeigt. 

Zwischen den dreizehn Episoden des Werkes hörte man von einem Balkon der Konzerthalle eine Oboe, welche mit ihrem Solo-Spiel eine Pause schaffte, in welcher die Zuhörer das bisher Gehörte verarbeiten konnten. 

Der Eintrittspreis für den Konzertbesuch war für Moskauer Verhältnisse zivil. Wir zahlten im Parterre umgerechnet 32 Euro.

Im Kinderheim aufgewachsen

Der Komponist Waleri Gawrilin hatte eine schwierige Kindheit. Er wurde 1939 im nordrussischen Wologda geboren. Sein Vater fiel 1942 als Freiwilliger an der Front bei der Belagerung von Leningrad durch die Deutschen. Seine Mutter war Leiterin eines Kinderheims. Sie kam 1950 wegen Diebstahl ins Gefängnis. Gawrilin wuchs in einem Kinderheim auf, wo er durch seine besondere Musikalität auffiel. Durch eine Empfehlung kam er 1953 an eine Musikschule des Konservatoriums von Leningrad. 

In Leningrad entwickelte sich Gawrilin schnell zu einer künstlerischen Persönlichkeit. 1962 schuf er eine Liedersammlung mit dem Namen „deutsches Heft“. Bei dieser Sammlung handelte es sich um Gedichte des deutschen Dichters Heinrich Heine, die Gawrilin ins russische übertrug. 

Dem jungen Komponisten gefiel der Sarkasmus und die feine Ironie von Heine, schrieb ein russischer Literaturkritiker.[2] Anfang der 1960er entstand während des politischen Tauwetters unter Chruschtschow im kulturellen Bereich mehr Freiheit für Künstler.

Gawrilin war stark von den Werken des Schriftstellers Wasili Schukschin (1929—1974) beeinflusst. Schukschin arbeitete vor allem zu Themen aus dem Alltag von Dorfbewohnern und einfachen Leuten. Dass Gawrilin von dem Schriftsteller inspiriert wurde, machte der Komponist mit dem Untertitel für sein Werk „Glockengeläute“ deutlich: Der Untertitel lautete, „Nach dem Werk von Wasili Schukschin“. – Waleri Gawrilin ist 1999 in Petersburg verstorben.

Als ich nach dem Konzert wieder zuhause war, hatte ich das Gefühl, das sich mein Kopf – überladen mit politischen Nachrichten – erholt hatte. Und ich freute mich über die überraschende Entdeckung eines mir unbekannten Komponisten.

Der Komponist Waleri Gawrilin

Anmerkungen

[1] Der gesamten Text der Chor-Sinfonie auf Russisch findet man hier: https://pubdoc.ru/doc/319674/i-simfonii-dejstve-%E2%80%9Dperezvony%E2%80%9D-v.-gavrilina%C2%BB.

[2] https://www.belcanto.ru/or-gavrilin-1.html

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