Kardinal Pierbattista Pizzaballa und Abt Nikodemus Schnabel am Pfingstsonntag in der Dormitio- Abtei in Jerusalem (Foto: Pascal Franz)

 Christliches (Über)Leben unter Israelischer Besatzung 

Die christliche Minderheit in Gaza und im Westjordanland ist von Bombardierungen, Pogromen und ethnischer Vertreibung nicht ausgenommen. Auch wenn Netanjahu behauptet, Beschützer der Christen im Heiligen Land zu sein, wurden bereits alle Kirchen in Gaza bombardiert und christliche Palästinenser vom IDF und illegalen Siedlern bedroht. Der palästinensische Pastor Munther Isaac versucht seit langem, Licht auf das Leid seiner Gemeinde zu werfen, stößt bei westlichen Kirchen jedoch nur auf Ignoranz. 

In der Nacht zum 3. Oktober wurden erneut Wohnviertel in Gaza-Stadt trotz Waffenruhe beschossen. Vier Frauen, zwei Mütter und zwei Töchter wurden schlafend getötet, darunter die beiden Christinnen Maysa Abu Dawud mit ihrer Tochter Mary und ihre Nachbarn, die Dozentin Yasmin al-Boubou mit ihrer älteren Mutter Halloum al-Boubou. 

Die Beisetzung der christlichen Frauen an der St. Phorphyrius-Kirche, eine der ältesten Kirchen überhaupt, brachte sowohl Christen als auch Muslime zusammen, um den letzten Opfern zu Gedenken, wie Reuters berichtet. Der 14-Jährige Fouad Al-Najjar, der seine Mutter und Großmutter verlor, befand sich auch unter den Trauernden in der grieschich-orthodoxen Kirche. “Die Besatzungsmacht unterscheidet nicht zwischen einem Muslim und einem Christen. Ich persönlich habe viele Menschen verloren, die mir sehr nah waren“, teilt der Junge, der unter diesem Krieg aufwachsen musste, mit der staatlichen Nachrichtenagentur der Türkei, Anadolu Ajansi, mit.

Die beiden Frauen bleiben ihren Familienangehörigen und Freunden als hilfsbereite und fürsorgliche Mitmenschen in Erinnerung. Als der Krieg begann und zahlreiche Menschen zur Flucht aufgefordert wurden, fanden sie in den Kirchen Gazas Zuflucht, wo die zwei Gläubigen ehrenamtlich aushalfen, erzählen die Sanitäter und Gäste Reuters. Besonders für Ältere, Verletzte und körperlich Beeinträchtigte, die nicht so schnell fliehen konnten, waren die Gotteshäuser essentiell. 18 dieser Schutzsuchenden wurden am 19. Oktober 2023 bei einem Israelischem Luftangriff auf die Kirche getötet und 20 weitere verletzt. Auch die einzige katholische Kirche in Gaza, die Kirche der Heiligen Familie, die der biblischen Flucht von Maria, Joseph und Jesus nach Ägypten gedenkt, wurde mehrmals zum Ziel israelischer Angriffe. Eine ehrenamtliche Köchin wurde gemeinsam mit ihrer älteren Mutter während der Adventszeit 2023 von IDF-Snipern im Hof der Kirche erschossen. Vier Zivilisten, die in der Schule der Kirche Zuflucht suchten, wurden im Juli 2024 bombardiert. Zehn Zivilisten, darunter der Pfarrer der Gemeinde, wurden im Juli 2025 durch Beschuss der IDF-Panzer der Kirche verletzt und drei weitere getötet. 

Das Christkind unter Trümmern 

Der lutherische Pastor Munther Isaac verurteilt alle Gräueltaten an seinem Volk scharf. Seit Kriegsbeginn stellt er jedes Jahr eine bestimmte Krippe in der Weihnachtskirche von Bethlehem auf: Das Christkind inmitten von Trümmern, umhüllt mit einer palästinensischen Kufiya. “Wenn Christus heute geboren wäre, kommt er unter Kriegstrümmern und israelischen Bomben zur Welt”, mahnt der Pastor. Er sieht große Parallelen zum Leben Jesu und wie Palästinenser heute leben müssen. Wie Isaac und andere Palästinenser ist auch Christus unter Besatzung und Fremdherrschaft geboren. Mit seinen Eltern war Jesus schon als Säugling auf der Flucht. Der einzige Weg nach Ägypten führte damals über Gaza. Deshalb versucht Isaac unermüdlich, Christen aus dem Westen klarzumachen, dass Jesus ebenso von israelischen Luftangriffen bedroht wäre. 

“Christen sind keine separate Gruppe. Wir sind Palästinenser mit christlichem Glauben. Alles, was den Palästinensern angetan wird, trifft auch uns”, beharrt der Pastor. Es frustriert ihn, wenn Akademiker von “Christen, Juden und Muslimen” sprechen, als wären es drei unabhängige Gruppen, erzählt er im Gespräch. Eine Aufteilung, die sich nicht mit der Realität deckt. Christen in Palästina besitzen arabisch als Muttersprache, benutzen ebenfalls den Namen “Allah” für Gott und sind genauso von israelischer Gewalt betroffen, wie alle Palästinenser, die unter israelischer Besatzung leben. 

Tatenlosigkeit aus westlichen Kirchen und dem weißen Haus 

“Es ist ein wahrer Skandal, dass die Welt einem Kriegsverbrecher wie Netanjahu erlaubt, vor den Vereinten Nationen darüber zu lügen, während Christen in Gaza getötet und in Taybeh jeden Tag von Siedlern und Militär angegriffen werden”, kritisiert er das passive Verhalten der Weltgemeinschaft. Im christlichen Dorf Taybeh im Westjordanland kommt es regelmäßig zu Angriffen der illegalen Siedler auf die christliche Bevölkerung. Von “Siedlergewalt” zu sprechen kommt zu kurz, findet der Pastor, denn diese Siedler kommen regelmäßig in Begleitung israelischer Soldaten und werden von ihnen beschützt und gedeckt, wie die Bewohner Taybehs ihm klagen. Die IDF schaut im besten Fall nur zu und beteiligt sich im schlimmsten Fall aktiv, wenn Häuser, Autos und Olivenhaine in Brand gesetzt werden. Oft bleibt ungewiss, ob Palästinenser von Siedlern oder Soldaten beschossen wurden, wie im Juli 2025, als drei Anwohner getötet wurden. 

Die Siedler werden vorsätzlich von der israelischen Regierung als Werkzeug genutzt, um die ethnische Vertreibung der Palästinenser voranzutreiben, stuft er ein. Ziel ist es, die Bewohner durch Gewalt zu drängen, in die Städte zu ziehen oder das Land endgültig zu verlassen, damit sie es besetzen können. Abgeordnete des israelischen Parlaments wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben Gvir sprechen offen davon, den Siedlungsbau im Westjordanland auszuweiten, um einen palästinensischen Staat zu verhindern. 

All dies scheint irrelevant, wenn er mit westlichen Kirchenvertretern ins Gespräch geht. In England wurden ihm geplante Treffen mit dem Erzbischof von Canterbury abgesagt, um die jüdische Gemeinde nicht zu verletzen. Auch den Antisemitismusvorwurf erhält er regelmäßig. Von westlichen Kirchen fordert er, den Genozid an den Palästinensern anzuerkennen und öffentlichen Druck aufzubauen, um Waffenlieferungen nach Israel zu stoppen. “Die Kirchen müssen in Demut und Bescheidenheit den Opfern ihrer eigenen Theologie, dem christlichen Zionismus, zuhören”, verlangt er. Er gesteht, dass er mittlerweile bezweifelt, ob führende Politiker und kirchliche Amtsträger die Palästinenser noch als gleichwertige Menschen betrachten, wenn sie so passiv im Angesicht von Menschenrechtsverstößen bleiben. 

Zu den bekanntesten palästinensischen Christen und Palästinensern allgemein zählt die griechisch-katholische Journalistin Shireen Abu Akleh. Ihre gut erkennbare Presseweste schützte die Journalistin nicht, als ihr 2022 von IDF-Soldaten in den Kopf geschossen wurde, während sie über einen israelischen Militäreinsatz im Flüchtlingsheim aus Jenin berichtete. Bei ihrem Trauerzug schoss die IDF erneut Blendgranaten auf die Trauernden und griff die Träger ihres Sargs an. Beinahe wäre ihr Leichnam zu Boden gefallen. Ihre Familie und Shireens Arbeitgeber, der arabischsprachige Nachrichtensender Aljazeera, reichten den Fall beim internationalen Strafgerichtshof ein. Obwohl sie nicht nur Christin, sondern auch Besitzerin eines amerikanischen Passes war, schützte dies die Palästinenserin nicht vor den tödlichen Schüssen. Keiner der Verantwortlichen wurde rechtlich belangt, trotz dessen, dass die USA als einflussreichste Weltmacht über die Mittel verfügen, Gerechtigkeit für ihre Staatsangehörige zu erwirken. Das FBI kündigte zwar Ermittlungen an, doch vier Jahre später wartet die Familie Abu Akleh immer noch auf Aufarbeitung, kritisiert das Komitee zum Schutz von Journalisten. Das Komitee fordert die Behörde auf, einen Zeitplan vorzulegen, wann sie ihre Ergebnisse veröffentlichen werden. Aufforderungen des Komitees zur Kooperation prallen an Israel ab. Das israelische Verteidigungsministerium verweigerte die Zusammenarbeit mit der US-Behörde, obwohl die beiden Länder sonst enge Beziehungen unterhalten und sogar Kriege gemeinsam starten. Der Israelische Premierminister Yair Lapid, unter dessen Amtszeit die Journalistin erschossen wurde, betreibt Täterschutz. 

“Niemand wird IDF-Soldaten verhören” zitiert das Komitee den Kandidaten, der erneut als Premierminister antritt und eine Alternative zu Netanjahu darstellen soll. 

Bomben zu Weihnachten 

Israelische Angriffe auf Christen und christliche Einrichtungen sind jedoch kein neues Phänomen. Sie reichen zurück zur Nakba, der systematischen ethnischen Säuberung der Palästinenser. Auch Palästinenser christlichen Glaubens wurden mit Waffengewalt aus ihren Städten und Dörfern entvölkert. Ein repräsentativer Vorfall für die Behandlung der Christen während der Nakba führt zu den Überresten des Dorf Iqrit. 

Obwohl der UN-Teilungsplan das christliche Dorf im Galiläa der palästinensischen Seite zugestand, besetzte das israelische Militär das Dorf 1948 und zwang alle Bewohner, ihr Dorf zu verlassen. Sie flohen in den Libanon oder wurden ins Dorf Rameh umgesiedelt. Fortan lebten alle Binnenflüchtlinge, die trotz Vertreibung noch innerhalb des neu ausgerufenen Staates Israel blieben, unter Militärherrschaft auf Basis ihrer Ethnie. Die ursprünglichen Bewohner Iqrits kämpften rechtlich dafür, in ihre Heimat zurückzukehren. Das Oberste Gericht Israels entschied zwar, dass die vertriebenen Christen zurück an ihren Geburtsort dürfen, doch die Militärverwaltung des IDF beschloss, das gesamte Dorf ausgerechnet am Weihnachtstag in die Luft zu sprengen. Sie verteilten Sprengsätze in den Kirchen und Häusern, während sie den Vertriebenen vorher mitteilten, dass sie an Weihnachten zurückkehren dürfen. Auf den nahegelegenen Hügeln musste die kleine Gemeinde mit ansehen, wie ihr Heimatdorf explodierte. 

Heute stehen israelische Siedlungen dort, wo das Dorf seine Bewohner beheimatete. Einzig das Kirchengebäude, der Friedhof und die Trümmer zerstörter Häuser, die nicht beseitigt wurden, befinden sich noch dort. Es steckt bittere Ironie darin, dass das Staatsoberhaupt eines Landes, das damals wie heute christliches Leben zu Weihnachten angreift, sich als Schutzmacht der Christen inszeniert. 

Das Krippenspiel der Weihnachtskirche, das den Säugling inmitten von Trümmern zeigt, verbreitete sich rasant im Netz. Daraufhin bekam Munther Isaac Bilder zugeschickt, die ähnliche Motive für ihre Nachstellung der Weihnachtsgeschichte verwenden. Auch wenn ihn einflussreiche Persönlichkeiten wie Joe Biden übergehen, dem er 2023 einem offenen Brief, unterschrieben von allen Kirchen in Bethlehem, überreichte, gibt er trotzdem nicht auf. Kraft schöpft er aus seinem Glauben, sich weiterhin für die Menschenrechte der Palästinenser einzusetzen. In seiner viral gewordenen Predigt zu Weihnachten verkündete er ”Wir Palästinenser werden aufstehen, wie wir es immer taten … aber ihr, die ihr euch mitschuldig gemacht habt, ihr tut mir leid. Werdet ihr euch jemals davon erholen? Wir werden eure Entschuldigung nach dem Völkermord nicht akzeptieren.” 

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