Artem Sokolow im Gespräch am 16. September 2026 in Moskau (Foto: Tilo Gräser)

«Der Ball liegt im Spielfeld von Berlin» – Artem Sokolow über das festgefahrene Verhältnis zu Russland

Welchen realpolitischen Sinn macht Berlins starrer Konfrontationskurs noch, während die deutsche Wirtschaft unter den Folgen bricht? Während ihres Besuchs in Moskau sprach Éva Péli mit dem Politikwissenschaftler und Deutschland-Experten Artem Sokolow (MGIMO-Universität) über die innenpolitische Funktion der «russischen Bedrohung», den Zustand der Kontakte und die harten Realitäten hinter den Kulissen der Diplomatie.

Éva Péli: Vor zehn Monaten hatten wir unser erstes Gespräch, ebenfalls in Moskau. Damals haben Sie Berlins harten Kurs nicht als bloßen Gehorsam gegenüber Washington beschrieben, sondern als Mittel, um innenpolitisch von Problemen abzulenken und den eigenen Kurs abzusichern. An welchen konkreten Beispielen wird deutlich, wie die Berliner Regierung dieses Bedrohungsszenario nutzt?

Artem Sokolow: Ich gehe davon aus, dass das Feindbild der russischen Bedrohung für die deutsche Innenpolitik unverzichtbar bleibt. Das sehen wir direkt im Haushalt: Riesige Summen fließen in Sicherheit und die Reform der Bundeswehr. Und das, obwohl es in der Gesellschaft einen riesigen, ungedeckten Bedarf an sozial und wirtschaftlich wirksamen Reformen gibt, die den schleichenden Abstieg der Lebensqualität stoppen könnten.

Obwohl also Milliarden für Militärreformen und die Ukraine verheizt werden, wächst in der Bevölkerung und bei der Opposition die Überzeugung, dass dieses Geld im eigenen Land dringend gebraucht würde. Doch es ist für eine Regierung eben immer einfacher, Aufrüstung zu betreiben, als Probleme in Wirtschaft und Soziales zu lösen. Deshalb hält die Berliner Regierung krampfhaft an der These fest, Russland sei eine akute, existenzielle Bedrohung, die uns auch in Zukunft den Atem rauben wird.

Genau dieses Bild nutzt die Regierung als Hebel, um die Rüstungsausgaben ungebremst nach oben zu treiben – das ist wohl das anschaulichste Beispiel. Das Gleiche gilt dafür, wie man das Russlandbild in den jüngsten Landtagswahlkämpfen ausgeschlachtet hat und wie es tagtäglich durch die Medien gejagt wird. Hier hat sich rein gar nichts zum Guten gewendet. Im Gegenteil: Berlin setzt gezielt Schritte, um das Verhältnis zu Moskau weiter zu vergiften. Damit füttert und bestätigt die Regierung exakt die Bedrohungskulisse, die sie über das Parlament und die Öffentlichkeit unermüdlich befeuert.

Éva Péli: Muss sich die russische Seite bei einer künftigen Bilanz nicht ebenso selbstkritisch die Frage gefallen lassen, welchen langfristigen Preis die eigene Gesellschaft für die Umstellung auf eine dauerhafte Konflikt- und Kriegswirtschaft zahlt – fernab aller geopolitischen Großwetterlage?

Artem Sokolow: Ich glaube nicht, dass die Frage nach den Kosten des Konflikts in der Ukraine ein Tabuthema für die russische Gesellschaft ist. Die negativen Folgen der anhaltenden Kampfhandlungen liegen auf der Hand. Ein Stopp der Kampfhandlungen ohne die Beseitigung der Ursachen, die 2022 zur Eskalation der Ukraine-Krise geführt haben, wird jedoch bedeuten, dass diese mit der Zeit mit neuer Stärke wiederaufleben werden.

Beispiellose Schritte

Éva Péli: Wegen des Vorfalls in Leipzig schloss Berlin das russische Konsulat in Bonn und das Russische Haus in Berlin. Wie bewerten Sie den anscheinenden Automatismus in der deutschen Politik, unbewiesene Anschuldigungen mit harten Schritten zu beantworten?

Artem Sokolow: Tatsächlich trafen uns der Vorfall und die darauffolgende deutsche Reaktion schwer. Der Öffentlichkeit wurden keinerlei Belege für eine russische Beteiligung vorgelegt – weder bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Außen- und Innenministerium noch im Zuge von Medienrecherchen oder Indiskretionen.

Ebenso schwer wiegt, dass diese Schritte selbst für das derzeit ohnehin zerrüttete Verhältnis beispiellos sind. Das betrifft vor allem das Aus für unser Generalkonsulat in Bonn, das so vielen russischen Bürgern in Deutschland tatkräftig zur Seite stand. Hinzu kommt die historische Last des Ortes: Das Konsulat befand sich auf dem Gelände der ehemaligen sowjetischen Botschaft in der alten Bundesrepublik vor 1990. Dass dieses symbolträchtige Kapitel nun endet, zeigt, wie unfreundlich Berlin agiert.

Éva Péli: Gibt es denn überhaupt noch eine Grenze nach unten – einen Punkt, an dem die deutsch-russischen Beziehungen noch weiter abstürzen können?

Artem Sokolow: Ja, die gibt es. Wir sprechen hier von drastischen Schritten wie der Herabstufung des diplomatischen Status, dem Abzug von Botschaftern oder der Reduzierung auf Geschäftsträger. Ob man es bedauert oder nicht: Es gibt noch genügend Stufen für einen fast vollständigen Abbruch der Kontakte.

Man möchte natürlich glauben, dass daran weder Moskau noch Berlin ein Interesse haben, zumal deutsche Firmen in Russland nach wie vor arbeiten und auf einen minimalen Draht angewiesen sind. Doch die Vergangenheit hat uns gelehrt: Jedes Mal, wenn wir dachten, den absoluten Tiefpunkt erreicht zu haben, wurden wir eines Besseren belehrt. Deshalb sind Prognosen schwierig, auch wenn wir beim aktuellen Gefrierpunkt vorerst an einer Grenze angekommen zu sein scheinen.

Éva Péli: Moskau betont immer wieder seine stete Gesprächsbereitschaft. Doch nach Jahren des gegenseitigen Vertrauensbruchs – von Minsk bis zu den eingefrorenen Kontakten: Welches rationale Fundament an Vertrauen müsste eigentlich erst mühsam wiederaufgebaut werden, bevor ein deutsches oder europäisches Politikerwort in Moskau überhaupt wieder als verlässlich wahrgenommen wird? Oder ist das Vertrauen für eine ganze Generation unwiederbringlich zerstört?

Artem Sokolow: Der Grundstein für ein vertrauensvolles Gespräch ist der Respekt gegenüber dem Gesprächspartner. Der deutsche politische, fachliche und mediale Mainstream ist überzeugt, dass er sich auf der richtigen Seite der Geschichte befindet und Russland nicht. Welchen Sinn macht es, auf die Argumente russischer Vertreter zu hören, wenn man davon überzeugt ist, dass ihr Land bald eine strategische Niederlage erleiden und zum Dialog mit ausgestreckter Hand zurückkehren wird? Solange die deutsche Seite von ihrer eigenen historischen, alternativlosen Rechtschaffenheit überzeugt ist, ist ein vertrauensvoller Dialog kaum zu erwarten.

Erhaltene Kontakte

Éva Péli: Im vorherigen Gespräch nannten Sie Städtepartnerschaften und verbliebene deutsche Firmen das «harte Kernstück» der Beziehungen. Welche Projekte hielten dem extremen Druck stand, und was flog raus? Und tragen diese Brücken noch privat abseits der großen Geopolitik?

Artem Sokolow: Gewiss arbeiten weiterhin über 1.000 Firmen mit deutscher Beteiligung auf dem russischen Markt. Das jüngste Wirtschaftsforum in St. Petersburg zeigte das deutlich: Erstmals seit Langem reiste eine recht starke Delegation aus Deutschland an, und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer organisierte ein eigenes Event. Das beweist echtes unternehmerisches Interesse. Laut Umfragen der Kammer will die Mehrheit der Firmen bleiben, auch wenn sie die Lage als schwierig einstufen.

Bei den Städtepartnerschaften läuft es ähnlich: Gut ein Drittel – also rund 30 Partnerschaften zwischen deutschen und russischen Kommunen – führt die Zusammenarbeit fort. Natürlich agieren sie wegen der Sanktionen meist im Hintergrund. Entscheidend ist jedoch, dass die Menschen im Gespräch bleiben. Die Quote entspricht exakt dem Stand von Ende 2022; die Zahl ist also nicht weiter geschrumpft.

Sowohl Wirtschaft als auch Zivilgesellschaft halten dem massiven Druck von außen stand. Vor allem die deutsche Führung pocht starr auf Sanktionen, und westliche Kräfte blockieren jeden konstruktiven Draht. Dennoch laufen die Kontakte weiter. Die in den letzten Jahren gesammelten Erfahrungen bilden ein starkes Fundament, um das Erhaltene zu sichern. Darauf lässt sich aufbauen, um die Beziehungen eines Tages auf neue Füße zu stellen. Das stimmt durchaus optimistisch.

Éva Péli: Russische Intellektuelle kritisieren den Ton deutscher Medien scharf – bis hin zu Formulierungen an der Grenze zu Gewaltaufrufen. Wie erklären Sie diese Erosion? Läuft das einfach auf die gezielte Aufladung des Feindbilds hinaus, oder wird hier mit der Tradition historischer Verantwortung gebrochen?

Artem Sokolow: Nun, deutsche Medien begleiteten sowohl die Sowjetunion als auch die Russische Föderation historisch kritisch – das hat bekannte Gründe. Nach 2022 schoss dieser Ton allerdings durch die Decke. Ohne das Feindbild der russischen Bedrohung können Medien und Politik viele Vorgänge im Inland und auf dem internationalen Parkett kaum noch rechtfertigen. Erst wenn Russland als der zentrale Revisionist der sogenannten «regelbasierten Weltordnung» dasteht, lassen sich Konzepte wie die «Zeitenwende», die Bundeswehrreform und der scharfe Mobilisierungston in Teilen der deutschen Presselandschaft plausibel erklären.

Die Medien führen damit schlicht die Linie der Bundesregierung fort. Gleichzeitig bleibt erfreulich, dass abseits dieses Mainstreams durchaus Medien existieren, die einen konstruktiven Kurs fahren. Sie versuchen, die eigentlichen Ursachen von Ereignissen zu ergründen, anstatt bloß ideologische Stempel aufzudrücken.

Éva Péli: Die Forderungen nach einer Normalisierung der Beziehungen zu Russland – wie die Wiederaufnahme von Gaslieferungen oder ein Stopp der Ukraine-Hilfen – sind in Deutschland immer wieder zu vernehmen. Wie schätzen Sie das ein: Wird dieser Faktor die Bundespolitik spürbar verändern, und woran wird man das ablesen?

Artem Sokolow: Solange Friedrich Merz als Bundeskanzler regiert, bleiben positive Kehrtwenden aus. Russland ist für ihn eine ferne, fremde Größe, in deren Realitäten er sich schlicht nicht vertiefen will. Keine Expertenargumente und keine Umfragewerte bringen ihn von seinem konfrontativen Kurs ab.

Dennoch fordert die Opposition lautstark eine Neuausrichtung. Bemerkenswert daran ist: Diese Forderungen entspringen keiner weltfremden Sentimentalität oder verklärten Russland-Liebe, sondern eiskaltem Pragmatismus. Die Befürworter einer Normalisierung begreifen, dass Deutschland ohne Energiekooperation und enge Handelsbeziehungen verliert. Zudem würde eine Entspannung die heutigen astronomischen Verteidigungslasten drastisch senken. Zwar bliebe eine Reform der Bundeswehr notwendig, allerdings als reguläre Modernisierung der Streitkräfte und nicht als Werkzeug für einen konstruierten Konflikt mit Russland.

Nicht nur die AfD – die in den Umfragen führt und massiv von ihrer Russland-Haltung profitiert –, sondern auch immer mehr Stimmen aus CDU und SPD kritisieren den Kurs des Kanzlers offen. Regionale Wahlerfolge beweisen dabei eindeutig: Der Wunsch nach wirtschaftlicher und politischer Normalisierung ist längst nicht mehr nur in den ostdeutschen Regionen, sondern ebenso in den westlichen Bundesländern tief verwurzelt.

Éva Péli: Sie haben kürzlich auf profil-online.ru einen sehr vielschichtigen Artikel veröffentlicht – beim Lesen merkt man sofort, wie vertraut Ihnen Ostdeutschland ist.

Artem Sokolow: Vielen Dank! Ein Stück weit ist der Text auch aus Nostalgie für Magdeburg entstanden. Ich war zweimal dort, und der Magdeburger Dom hat auf mich einen kolossalen, schlicht gewaltigen Eindruck gemacht. Auch die Architektur hat mich fasziniert – besonders dieser auffällige, wunderschöne Hundertwasser-Wohnblock.

Blick auf die Wahlen

Éva Péli: Schlagen wir den Bogen nach Moskau: Die anstehenden Wahlen zur Staatsduma werden in Deutschland vor allem durch die Brille der Ausgrenzung betrachtet – insbesondere, dass die als kriegsgegnerisch geltende Partei Jabloko keine Zulassung erhalten hat. Welches Signal sendet dieser Urnengang tatsächlich an die Adresse Berlins und Europas, und wie bewerten Sie den Vorwurf, hier würden systematisch politische Alternativen ausgeschaltet?

Artem Sokolow: Allein die Tatsache, dass diese Wahlen stattfinden, setzt ein unübersehbares Signal. Vergleichen wir die Situation mit der Ukraine: Dort fallen Wahlen im Zuge des Konflikts komplett aus. Die Russische Föderation hingegen hält als direkt beteiligte Kriegspartei strikt an ihrem planmäßigen Wahlkalender fest. Diese Wahlen sind wettbewerblich angelegt, verschiedene politische Strömungen treten mit eigenem Programm an.

Natürlich gibt es einen gewissen Grundkonsens in der Innen- und Außenpolitik, was deutsche Kritiker oft als überzogen bemängeln. Doch blicken wir auf Deutschland: Auch hier existieren für alle relevanten Parteien unantastbare Konsensbereiche wie der Verfassungspatriotismus – niemand stellt ernsthaft das Grundgesetz infrage. Behauptet deshalb jemand, Wahlen in Deutschland seien wettbewerbslos oder Wähler hätten keine echten Alternativen? Gewiss nicht. Dasselbe gilt für Russland. Der Wähler entscheidet zwischen verschiedenen politischen Kräften, die alle wesentlichen Richtungen abbilden: konservative, linksliberale und sehr aktive sozialistisch-kommunistische Kräfte.

Diese Wahlen belegen, dass das politische Leben in Russland aktiv pulsiert. Zwar kritisiert die deutsche Presse gebetsmühlenartig, dass bestimmte Kräfte wie Jabloko nicht zugelassen wurden. Erstens geschieht dies jedoch strikt nach geltendem russischem Recht, und zweitens darf man den realen Rückhalt und Einfluss dieser Gruppen nicht künstlich aufblähen – ihre hypothetische Teilnahme hätte die gesamte Wahldynamik ohnehin nicht fundamental verändert. Letztlich finden diese Wahlen unter ständigen Risiken äußerer Einflussnahme statt, die jedoch erfolgreich abgewehrt wurden. Jetzt gilt es, die Ergebnisse abzuwarten.

Éva Péli: Das deutsche Finanzministerium beziffert die Kosten für den Gasausstieg auf 50 Milliarden Euro, während energieintensive Branchen massiv einbrechen und Rekordpleiten verzeichnen. Präsident Putin hat kurz darauf seine Lieferbereitschaft signalisiert. Lässt sich das bei einem Kurswechsel in Berlin sofort wieder aufnehmen?

Artem Sokolow: Der Stopp der Energiekooperation mit Russland ist zweifellos eine politische Entscheidung – getroffen unter dem Eindruck der Eskalation von 2022 und getrieben von Kräften, die auf den globalen Märkten als direkte Konkurrenten zu russischen Energieträgern auftreten.

Zwar signalisiert Moskau jederzeit Verhandlungsbereitschaft, doch für eine echte Rückkehr zu diesem Dialog muss sich in Deutschland grundlegend etwas ändern: vor allem im gesellschaftspolitischen Diskurs und in der Art, wie das Thema im Bundestag und in den Medien verhandelt wird. Mit anderen Worten: Die Debatte darf nicht länger tabuisiert und toxisch sein, und sachliche Gespräche dürfen die Beteiligten nicht sofort politisch gefährden.

Die Fakten sprechen ohnehin für sich: Russland war stets der optimale Energielieferant für Deutschland. In den Jahren seit 2022 ist es Berlin weder gelungen, die Lieferanten verlässlich zu diversifizieren, noch die Industrie auf grüne Energien umzustellen – dort bleibt das schlicht unmöglich. Inzwischen räumen selbst europäische Bürokraten, die Russland traditionell kritisch gegenüberstehen, offen ein: Die billigen russischen Rohstoffe bildeten das Fundament des deutschen Wohlstands. Damit ist völlig klar, dass wir hier über ein rein politisches Problem sprechen. Die russische Seite steht bereit – der Ball liegt im Spielfeld von Berlin.

Éva Péli: Kürzlich wurden US-amerikanisch-russische Gespräche im Kreml als konstruktiv bewertet, wobei das Auftreten von US-Vertretern in Moskau als Ausdruck eines direkten Drahts gewertet wurde. Wie blickt man aus Moskau auf die Logik dieser Kontakte?

Artem Sokolow: Angesichts des lang anhaltenden Konflikts begrüßt Moskau grundsätzlich jede konstruktive Initiative, die einen Weg zum Frieden aufzeigt. Das betrifft auch die jüngsten Besuche US-amerikanischer Gesandter in Moskau und Kiew. Entscheidend ist vor allem, den diplomatischen Kommunikationskanal überhaupt wiederzubeleben, nachdem dieser in den Vormonaten stark ins Stocken geraten war.

Russland begegnet solchen Schritten offen und unterstützt diesen Prozess. Die Gespräche in Moskau verliefen nach übereinstimmender Einschätzung erfolgreich; danach reisten die US-Unterhändler weiter nach Kiew. Selbst wenn eine dauerhafte Lösung nicht sofort auf dem Tisch liegt, ist allein das Wiederanlaufen der Diplomatie ein wichtiger Fortschritt. Es zeigt, dass die Akteure nach Wegen aus der Krise suchen und die Bewegung in Richtung Verhandlungstisch intakt bleibt.

Éva Péli: Welche Bedingungen setzt Moskau als absolutes Minimum, damit diese Kontakte zu echten Verhandlungen führen?

Artem Sokolow: Die russischen Bedingungen zur Beilegung des Konflikts wurden von offizieller Seite wiederholt dargelegt und sind unverändert geblieben. An erster Stelle steht die Beseitigung der Ursachen, die diesen Konflikt überhaupt erst ausgelöst haben – unter strikter Berücksichtigung der Realitäten vor Ort und der Forderung, dass die ukrainischen Streitkräfte den Donbass verlassen.

Diese Grundvoraussetzungen lassen Raum für inhaltliche Verhandlungen. Wenn wir über die Beseitigung der Konfliktursachen sprechen, meinen wir zentrale Fragen wie den Status der russischen Sprache in der Ukraine, das Vorgehen rechtsradikaler politischer Kräfte sowie das Streben bestimmter ukrainischer Eliten nach einer NATO-Mitgliedschaft oder ähnlichen Sicherheitsstrukturen, die Russlands Interessen direkt bedrohen. Das ist das fundamentale Paket, das auf den Tisch muss. Hier lässt sich substanziell verhandeln, und es bleibt zu hoffen, dass dieser Dialog fortgesetzt wird.

Fundamentaler Unterschied

Éva Péli: Schon vor etwa einem Jahr, nach dem Treffen in Anchorage, gab es Ansätze für Gespräche, die damals im Sande verliefen. Worin unterscheidet sich die Lage heute?

Artem Sokolow: Vor allem durch die Entwicklung der Situation vor Ort. Der zurückliegende Sommer war extrem intensiv – nicht nur direkt an der Kontaktlinie, sondern auch durch Angriffe auf die jeweiligen Rückzugsräume. In den letzten Wochen hat Russland das Tempo und die Intensität der Schläge gegen ukrainische Militär- und Infrastrukturziele im Hinterland massiv erhöht. Das zeigt, dass die russischen Streitkräfte inzwischen über technische Kapazitäten verfügen, die ihnen in dieser Form zuvor nicht zur Verfügung standen.

Zwar gab es im Verlauf des Konflikts immer wieder Waffen, die als angebliche Gamechanger gefeiert wurden – man denke an Abrams-Panzer, diverse Drohnentypen oder spezielle Raketen. Doch die Realität eines so langwierigen Konflikts zeigt unerbittlich, welche Seite die schwereren Lasten und Verluste trägt.

Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem Treffen in Anchorage und der heutigen Situation. Die Logik der Moskauer Führung ist klar: Verhandlungen finden parallel zum fortlaufenden militärischen Geschehen statt, ein vorzeitiger Waffenstillstand ist nicht vorgesehen. Zudem hat die russische Seite von Anfang an betont, dass ein Hinauszögern des Konflikts die Bedingungen für ein künftiges Friedensabkommen für die ukrainische Seite kontinuierlich verschlechtert. Trotz einzelner aufmerksamkeitsstarker Aktionen der ukrainischen Streitkräfte hat sich die Gesamtposition Kiews in dieser Zwischenzeit objektiv weiter verschlechtert. Das ist der fundamentale Unterschied.

Éva Péli: Welche Rolle spielen die Europäische Union und Deutschland in diesem Moment?

Artem Sokolow: Leider hat sich die Rolle Europas bei einer diplomatischen Beilegung des Konflikts zuletzt kaum verändert. Die EU und Deutschland stützen die Ukraine weiterhin bedingungslos und setzen starr auf eine strategische Niederlage Russlands. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die europäische Seite ernsthaft bereit wäre, sich als konstruktive Kraft in den Verhandlungsprozess einzubringen.

Zwar wird formal immer wieder gefordert, dass Europa am Verhandlungstisch sitzen müsse – was rein geografisch und politisch nahe liegt –, doch in der Praxis agiert Europa als reiner Spoiler des Prozesses. Man pocht auf völlig realitätsferne, unannehmbare Bedingungen und treibt stattdessen die Verlängerung des Konflikts durch immer neue Unterstützung für Kiew voran.

Éva Péli: Viele Beobachter im westlichen Teil von Europa argumentieren, dass Moskau durch den Bruch mit dem Westen seine wirtschaftliche und strategische Souveränität sukzessive an Peking abtritt und zunehmend in die Rolle des Juniorpartners gerät. Ist eine künftige Normalisierung mit Berlin aus Sicht der russischen Realpolitik überhaupt noch attraktiv, wenn sich Moskau längst global neu orientiert hat?

Artem Sokolow: Das Außenpolitische Konzept der Russischen Föderation von 2023 programmiert keinen konfrontativen Charakter der Beziehungen zu den EU-Ländern. Das Konzept einer multipolaren Weltordnung sieht einen Dialog mit allen Teilnehmern internationaler Beziehungen vor, die dazu bereit sind. Russland und Deutschland haben genügend Themen zu besprechen – von der Wirtschaft bis zur europäischen Sicherheit.

Éva Péli: Befinden sich die Beziehungen nach zehn Monaten noch im freien Fall, oder haben wir bereits den Punkt erreicht, an dem eine neue Dialogarchitektur entworfen werden muss? Nennen Sie bitte kurz die wichtigsten Ereignisse oder Trends, die Sie zu diesem Schluss führen – und wo sehen Sie den ersten, wenn auch minimalen Berührungspunkt?

Artem Sokolow: Mit Blick auf die deutsch-russischen Beziehungen befinden wir uns leider nach wie vor in einer Abwärtsspirale, wie die jüngsten Schritte der Bundesregierung und die russischen Gegenmaßnahmen untermauern. Damit eine neue Dynamik entstehen kann, müsste in Berlin zunächst ein radikales Umdenken stattfinden: Die Führung der Bundesrepublik und der EU müssten von ihrer fixen Idee abrücken, Russland strategisch besiegen zu wollen. Solange diese Prämie gilt, ist ein gleichberechtigter, respektvoller Dialog – geschweige denn die gemeinsame Architektur einer europäischen Sicherheit – schlicht undenkbar.

Dennoch zeigen die aktuellen politischen Strömungen in Deutschland, dass der Wunsch nach einer Kurskorrektur längst überreif ist. Die Frage ist, wie die jetzige Führung – oder etwaige Nachfolger von Friedrich Merz – darauf reagieren wird; in den Berliner Korridoren kursieren schließlich hartnäckige Gerüchte, dass der Kanzler seine Amtszeit womöglich vorzeitig beenden muss. Sollte sich der wachsende Druck aus Wirtschaft, Gesellschaft und großen Teilen der Politik in konkreter Regierungshandlung niederschlagen, sind echte Veränderungen möglich. Von russischer Seite aus besteht jedenfalls absolute Gesprächsbereitschaft, und man reicht den deutschen Partnern jederzeit die Hand.

Éva Péli: Gibt es zum Abschluss noch einen Aspekt oder eine Beobachtung, die Sie unbedingt ergänzen möchten?

Artem Sokolow: Sie haben die Themen sehr systematisch und umfassend abgefragt, weshalb wir im Grunde alle Kernbereiche besprochen haben. Ich möchte nur noch einmal unterstreichen: Auch wenn wir aktuell eine negative Dynamik erleben, bleibt Moskau jederzeit zu einer Normalisierung bereit, sobald aus Berlin ein entsprechendes Signal kommt.

Das zeigt sich auch an den jüngsten Reaktionen auf deutsche Schritte wie die Schließung des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur, des Generalkonsulats oder diversen Visabeschränkungen. Ich ehrlich gesagt hatte erwartet, dass die russischen Gegenmaßnahmen deutlich drastischer ausfallen würden. Am Ende blieben sie jedoch absolut spiegelbildlich und kompakt: Das deutsche Generalkonsulat in Sankt Petersburg wurde geschlossen, das Goethe-Institut stellte die Arbeit ein – das war es auch schon. Es gab weder zusätzliche Visa-Restriktionen noch Einschränkungen für deutsche Diplomaten im Land. Moskau sucht keine Eskalation, sondern reagiert lediglich maßvoll auf die Schritte aus Berlin.

Éva Péli: Sie beobachten und erforschen die deutsche Politik und Gesellschaft nun schon über so viele Jahre hinweg fast täglich. Welches Bild von Deutschland haben Sie heute – und was wünschen Sie dem Land für die kommenden Jahre?

Artem Sokolow: Deutschland befindet sich zweifellos in einer schwierigen Phase seiner historischen Entwicklung. Doch wie für Russland gilt auch für Deutschland: Es ist nicht das erste Mal, dass das Land solch komplexe Krisen bewältigt. Man darf zuversichtlich sein, dass auch diese schwierige Etappe vorübergeht – und das nicht zuletzt durch eine künftige Normalisierung des deutsch-russischen Dialogs.

Artem Sokolow (geb. 1989) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationale Studien (IMI) der Moskauer Hochschule für Internationale Beziehungen (MGIMO; untersteht dem Russischen Außenministerium) und Dozent am Lehrstuhl für Diplomatie. Als promovierter Historiker und Experte für europäische Integration und Deutschland gilt er in Moskau als eine der profilierten Stimmen in der Analyse der deutsch-russischen Beziehungen.

Das Gespräch wurde am 16. September 2026 geführt. Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.

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