Zwischen Krieg, Schikane und Isolation: Warum den Christen im Heiligen Land der Exitus droht
(Red.) Die grauenhaften Verbrechen der israelischen Armee und der israelischen Siedler gegenüber den Palästinensern sind für viele große Medien immer noch kein Thema, aber auch die kleinen, aufmerksamen Medien berichten vor allem über die israelischen Verbrechen gegenüber den einheimischen muslimischen Palästinensern. Der deutsche Theologe Manfred Böhm macht im hier folgenden Beitrag nun darauf aufmerksam, dass auch die Christen im Entstehungsland des Christentums ums Überleben zu kämpfen haben. (cm)
Die Situation der Christen im Heiligen Land steht an einem historischen Wendepunkt. Wer heute durch die Region reist, begegnet einer jahrtausendealten Geschichte, doch die christliche Präsenz vor Ort darf nicht mit den historischen Mauern verwechselt werden. Die einheimischen Gläubigen verstehen sich selbst als die „lebendigen Steine“ – als eine kontinuierliche Gemeinschaft vor Ort. Diese Gemeinschaft schrumpft jedoch unaufhörlich. Heute machen Christen in Israel, dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Sie sind eine extrem fragmentierte Minderheit, aufgeteilt auf über fünfzig Konfessionen, von Griechisch-Orthodoxen über Lateinische Katholiken bis hin zu Armeniern. Die große Mehrheit von ihnen sind arabische Palästinenser.
Wenn das Schweigen bricht – Schikane auf Jerusalems Straßen
Die aktuelle Lage in Israel hat sich drastisch zugespitzt. Datenzentren wie das Religious Freedom Data Center und das Rossing Center in Jerusalem dokumentieren eine besorgniserregende Entwicklung. Allein im zweiten Quartal hat sich die Zahl der registrierten antichristlichen Übergriffe im Vergleich zum Jahresbeginn auf dreiundachtzig Vorfälle fast verdoppelt. Auf den Straßen der Jerusalemer Altstadt gehören Spuckattacken am helllichten Tag, wüste Beschimpfungen und physische Angriffe auf Ordensleute mittlerweile zu einer traurigen Alltagsrealität. Betroffene sprechen von einer gefährlichen gesellschaftlichen Enttabuisierung des Christenhasses. Flankiert wird diese Bedrohung von einer existenziellen Wirtschaftskrise. Durch die anhaltenden militärischen Konflikte in der Region ist der Pilgertourismus im laufenden Jahr fast vollständig eingebrochen. Da rund sechzig Prozent der einheimischen Christen direkt oder indirekt von Pilgern leben, stehen unzählige Familien vor dem Ruin. Ersparnisse sind vollständig aufgebraucht. Hinzu kommt massiver bürokratischer Druck. Eine israelische Verordnung für christliche Schulen in Jerusalem entzog vielen palästinensischen Lehrkräften aus dem Westjordanland temporär die Arbeitserlaubnis. Auch wenn zum Schuljahresbeginn im September eine vorläufige Einigung erzielt wurde, bleibt die Verunsicherung unter den Bildungseinrichtungen enorm hoch.
Die Strategie des Wegsehens – Das System Netanjahu
In der Kritik der kirchlichen Entscheidungsträger steht zunehmend die politische Führung des Landes unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu . Um sein politisches Überleben zu sichern, stützt sich der Regierungschef auf eine Koalition mit ultranationalistischen Kräften. Kritikern zufolge führt dieses Zweckbündnis zu einer bewussten Duldung extremistischer Gewalt. Da Netanjahu auf die Unterstützung radikaler jüdischer Siedler angewiesen ist, unterbleibt ein konsequentes staatliches Durchgreifen der Justiz- und Sicherheitsbehörden bei antichristlichen Hassdelikten. Das laute Schweigen der Regierungsspitze schafft auf den Straßen ein spürbares Klima der Straffreiheit für die Täter. Während sich Netanjahu in englischsprachigen Botschaften nach außen hin traditionell als Beschützer der Christen inszeniert, um die wichtige Unterstützung evangelikaler Kreise im Westen zu sichern, wächst im Inland der Druck. Unter seiner Regierungsverantwortung eskalierten auch die Versuche lokaler Behörden, jahrhundertealte Steuerbefreiungen für kirchlichen Besitz aufzuheben, was die soziale Infrastruktur der Gemeinden aus Krankenhäusern und Schulen finanziell austrocknet. Ausführliche Analysen und Berichte zu diesen politischen Verflechtungen lassen sich auf Aktuelles aus der Weltkirche auf Vatican News nachschlagen.
Ein Dorf kämpft ums Überleben – die Isolation von Taybeh
Im Westjordanland stehen die christlichen Gemeinden vor einer existenziellen Zerreißprobe. Hier leben schätzungsweise noch vierzigtausend bis fünfzigtausend Christen, deren Alltag massiv durch den andauernden Konflikt beeinträchtigt wird. Sie leiden unter Rekordarbeitslosigkeit, da die Grenzübergänge nach Israel weitgehend geschlossen wurden und Zehntausende ihre dortige Arbeit verloren haben. Eine beispiellose Bedrohung betrifft insbesondere den Ort Taybeh, das letzte rein christliche palästinensische Dorf im Westjordanland. Lokale Geistliche berichten von zunehmender Gewalt und systematischer Einschüchterung durch militante jüdische Siedler. Verschärft wurde die Isolation des historischen Ortes durch eine Anordnung des israelischen Militärs, die ein großes Gebiet rund um das Dorf zu einem militärischen Sperrgebiet erklärte. Lokale Amtsträger und der Pfarrer von Taybeh warnen laut einem Bericht von Vatican News vom Juli 2026 eindringlich, dass der geplante Bau eines israelischen Siedlungsaußenpostens die Existenz bedroht: Die Christen müssen hier bleiben können, doch diese Abriegelung schadet der Lebensgrundlage der verbliebenen knapp tausendzweihundert Einwohner massiv und setzt die Zukunft des Dorfes aufs Spiel.
Bombenhagel und Vertreibung – Der Todeskampf der Gemeinde in Gaza
Im Gaza-Streifen ist die christliche Minderheit durch den andauernden, erbarmungslosen Krieg fast vollständig dezimiert worden und steht vor ihrer endgültigen Auslöschung. Vor dem Ausbruch des Konflikts im Oktober 2023 lebten noch etwas über tausend Christen im Küstenstreifen; mittlerweile hat sich diese Zahl auf nur noch rund fünfhunderteinundvierzig Gläubige schockierend halbiert. Mindestens sechzig Gemeindemitglieder kamen durch die Kampfhandlungen bereits direkt ums Leben. Die blanke Existenznot und die ständige Lebensgefahr spitzten sich erst vor wenigen Tagen dramatisch zu: Bei einem israelischen Luftangriff auf Gaza-Stadt in der Nacht zum 2. Oktober 2026 wurden die beiden christlichen Frauen Maysa Khader Ibrahim Abu Daoud und Mary Hafez Michel Najjar getötet. Laut dem Bericht von Vatican News vom 3. Oktober 2026 hinterlässt dieser plötzliche Tod tiefe Traumata und Fassungslosigkeit in der schwindenden Gemeinde. Ihre Beisetzung fand unter dem Eindruck anhaltender Angriffe in der griechisch-orthodoxen Pfarrei Sankt Porphyrius statt.
Für die verbliebenen Katholiken und Orthodoxen gibt es im gesamten Küstenstreifen keinen sicheren Ort mehr; sie harren unter unvorstellbaren, katastrophalen Bedingungen schutzlos in den belagerten Kirchengebäuden aus. Der Alltag im völlig zerstörten Stadtzentrum ist von einem extremem, lebensbedrohlichen Mangel an Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser und jeglicher medizinischer Versorgung geprägt. Granatsplitter schlagen regelmäßig auf den verbliebenen kirchlichen Zufluchtsorten ein, während die totale Isolation jede humanitäre Hilfe abschneidet. Vor Ort beschreiben die Seelsorger den Zustand nicht mehr nur als Krise, sondern als eine unaufhaltsame Katastrophe, bei der die nackte Angst vor dem endgültigen, physischen Exitus der christlichen Präsenz in Gaza jede Stunde mitschwingt. Hervorhebung durch die Redaktion.)
Mönche gegen die Ohnmacht – Die Stimme von Abt Nikodemus
Eine der profiliertesten, lautesten und unbequemsten Stimmen in diesem regionalen Konflikt ist Nikodemus Schnabel OSB, der als deutscher Ordensgeistlicher, Ostkirchenexperte und Abt der Benediktinerabtei Dormitio auf dem Zionsberg in Jerusalem und dem Priorat Tabgha am See Genezareth amtiert. Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Erhebung der Dormitio zur Abtei warnte Schnabel mit drastischen Worten vor der langfristigen Entstehung eines „christlichen Disneylands“. Wenn die kriegs- und krisenbedingte Auswanderung der einheimischen Familien aus Jerusalem, dem Westjordanland und Gaza aufgrund der Perspektivlosigkeit so weitergehe, drohe das Heilige Land nach dem Abflauen der Kämpfe zu einem reinen Kulissen-Museum für künftige Touristenströme zu verkommen, das zwar von ausländischen Mönchen bewacht wird, in dem es aber kein normales, indigenes christliches Familienleben mehr gibt.
Abt Nikodemus nimmt kein Blatt vor den Mund und greift die politische Führung Israels direkt an. Er wirft Teilen der Regierung eine Mitschuld am grassierenden Alltagsrassismus vor und kritisiert den nationalen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir offen als notorischen Christenhasser. Weil Justiz und Polizei kaum konsequent gegen die Täter vorgehen, herrsche auf den Straßen ein Klima der Straffreiheit. Seine Mönchsgemeinschaft hält vor Ort unbeirrbar eine Haltung des Friedens und der Seelsorge aufrecht, um ein bleibendes Fundament für bedrängte Menschen zu sichern, die im Kreuzfeuer des Konflikts auf sich allein gestellt sind.
Unser Blick nach Osten – Ein Weckruf an die Welt
Gefangen zwischen existenzieller wirtschaftlicher Not, kriegerischer Zerstörung, politischer Ignoranz und demografischer Ausdünnung droht das Fundament der Urkirche im gesamten Heiligen Land wegzubrechen. Der eindringliche Appell von Stimmen wie Abt Nikodemus Schnabel richtet sich daher direkt an die Weltgemeinschaft, den Blick nicht von den Menschen in Jerusalem, der Westbank und Gaza abzuwenden, wenn das Heilige Land seine lebendigen Zeugen nicht dauerhaft verlieren soll.