Der vatikanische Erzbischof Paul Richard Gallagher trifft sich in Moskau mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. (Photo Russisches Außenministerium)

Katholische Diplomatie

Anders als vor einigen Jahrhunderten ist der Vatikan heute kein mächtiger Staat mehr. Dennoch verfügt er nach wie vor über moralische Autorität für Millionen von Christen auf der ganzen Welt. Dies ermöglicht es dem Vatikan, sich an die gesamte Welt zu wenden – in einem Ausmaß, für das selbst größeren Ländern offenbar das politische Kapital oder das Selbstvertrauen fehlt.

Am Dienstag, dem 25. August, reiste der vatikanische Staatssekretär für die Beziehungen zu den Staaten, Erzbischof Paul Richard Gallagher, nach Moskau. Ein bemerkenswerter Besuch. In Russland wurde er von Sergej Lawrow, dem russischen Außenminister, empfangen. Das erste Treffen dauerte mehr als eine Stunde. Der vatikanische Gesandte soll in Russland bis zum 28. August weilen.

Es war das erste Mal seit der direkten russischen Intervention in der Ukraine im Februar 2022, dass der vatikanische Staatssekretär für die Beziehungen zu den Staaten Russland besuchte. Der letzte Besuch von Erzbischof Paul Richard Gallagher in Russland fand im Jahr 2021 statt.

Nach dem äußeren Eindruck zu urteilen, verlief der jüngste Besuch in Russland positiv. „Der Gesandte des Vatikans begann seinen Besuch mit einer Geste des Respekts“, schrieb die russische Tageszeitung „Komsomolskaja Prawda“. Der Bericht zitiert Lawrow, der am Anfang des Treffens sagte: „Trotz all dieser Turbulenzen auf der Welt ist es uns gelungen, einen respektvollen Dialog mit dem Vatikan aufrechtzuerhalten, der es uns hoffentlich ermöglichen wird, nach positiven und vernünftigen Lösungen zu suchen.“ Während er seine Botschaft überbrachte, wirkte Lawrow sehr ernst.

„Ich bin froh, dass es endlich wieder möglich war, eine Reise nach Moskau zu unternehmen“, antwortete Erzbischof Gallagher, etwas gelassener als sein Gegenüber. „Wir sind genau deshalb hier, weil wir glauben, dass im schwierigen Klima der internationalen Beziehungen der Dialog wichtiger denn je ist und dass die Welt mehr denn je Diplomatie braucht.“ Er schloss seine kurze Einführungsrede mit den Worten: „Wir sind froh, dass wir trotz Konflikten und Leid in der Lage sind, der Welt vom Frieden zu erzählen, von der Realität des Friedens, von der Aussicht auf Frieden, und dass wir auch in der menschlichen Gesellschaft Hoffnung wecken können, in einer Zeit, in der dieses Vertrauen stark gefährdet ist.“

Laut der vatikanischen Zeitung „L’Osservatore Romano“ diskutierten der Vatikan und Russland über den Krieg in der Ukraine sowie über die Lage der Katholiken in Russland. „Der Krieg in der Ukraine muss enden“, sagte der Erzbischof. „Der Konflikt kann nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden. Man muss die Voraussetzungen für einen politischen und diplomatischen Prozess schaffen.“ 

Eine in vielerlei Hinsicht vernünftige, gemäßigte Haltung, die in den letzten Jahren fast vollständig aus der europäischen politischen Landschaft verschwunden ist. Im Gegenteil: Angesichts der sich verhärtenden Haltung Europas begannen viele zu glauben, das Problem lag nicht darin, dass Europa Russland gegenüber zu gefährlich feindselig gewesen sei, sondern dass es sich jahrelang unnötig an Russland eingeschmeichelt hatte.

Krieg und Frieden

Während der Pressekonferenz am Ende des ersten Treffens stellte der russische Außenminister fest, dass die Beziehungen Russlands zum Vatikan „weiterhin von Vertrauen und Freundschaft geprägt sind“. Aber Lawrow klang auch kämpferisch, als er anmerkte: „Wie Sie wissen, nahm Erzbischof Paul Gallagher heute Vormittag an der Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer teil. Ich möchte dem Heiligen Stuhl unseren Dank dafür aussprechen, dass er das Andenken an die gefallenen sowjetischen Soldaten und die kolossalen Opfer würdigt, die unsere multiethnische Nation im Kampf gegen den Nationalsozialismus gebracht hat. Dies ist besonders bedeutsam vor dem Hintergrund zunehmender Versuche in Europa, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs zu revidieren und dessen Geschichte zu verfälschen – und vor allem in einem Kontext, in dem der Neonazismus in vielen europäischen Ländern zunehmend den Kopf erhebt, unter anderem durch die Anstiftung und Bewaffnung des Kiewer Regimes, seinen Krieg gegen die Russische Föderation, unsere gemeinsame Geschichte und die Geschichte seines eigenen Volkes fortzusetzen.“ Lawrow bestand auch auf die Beseitigung der Ursachen des Krieges in der Ukraine: „Wir haben Russlands prinzipienorientierten Ansatz zur Lösung der Ukraine-Krise dargelegt, der auf die Beseitigung ihrer Ursachen abzielt.“

Am Ende dankte der russische Außenminister jedoch dem Gesandten des Vatikans: „Wir bekräftigten unsere Wertschätzung für das aktive Engagement des Vatikans bei der Lösung einer Reihe dringender humanitärer Probleme, die sich aus dem Konflikt in der Ukraine ergeben, sowie unser gemeinsames Bekenntnis zur Fortsetzung der bilateralen Zusammenarbeit in diesem Bereich, unter anderem beim ‚Kinderdossier‘ – dem hochsensiblen Thema, das ukrainische Kinder betrifft.“

Der Gesandte des Vatikans merkte seinerseits an, dass „es dringend notwendig ist, die Feindseligkeiten zu beenden und die künftigen Beziehungen so zu gestalten, dass wir nicht Gefangene der Ungerechtigkeiten der Vergangenheit bleiben“.

Der Vatikan als Friedensstifter?

Die „Komsomolskaja Prawda“ argumentierte, der Besuch des vatikanischen Gesandten könne eine neue Friedensinitiative des Heiligen Stuhls in Gang setzen. Die russische Zeitung schrieb, dass seit über einem Jahr keine Friedensvorschläge mehr aus dem Vatikan gekommen seien, und erinnerte daran, dass der im vergangenen Jahr verstorbene ehemalige Papst Franziskus es mit dem Frieden ernster gemeint habe: „Einmal bezeichnete Franziskus sogar die jahrelange Osterweiterung der NATO als Ursache des Krieges – er beschrieb sie als ‚das Nordatlantikbündnis, das vor den Toren Russlands bellt‘.“ Für diese Äußerung erntete der Papst nicht wenig Kritik.

Papst Franziskus war für einige, aus vielen Gründen, eine umstrittene Persönlichkeit. Sein Interesse am Frieden und an guten Beziehungen zu allen, auch zu Russland, schien jedoch aufrichtig zu sein. Im Jahr 2016 trafen er und der russische Patriarch Kirill in Kuba zusammen. Es war ein historischer Moment: Papst Franziskus war das erste Oberhaupt der katholischen Kirche, das sich mit dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche traf. Die beiden sprachen im März 2022 nach Beginn der letzten Phase des Ukraine-Kriegs ein weiteres Mal per Videokonferenz miteinander.

In Moskau traf der „Außenminister“ des Vatikans Paul Gallagher auch den Metropoliten Antonij von Wolokolamsk, der für die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats zuständig ist. Im 21. Jahrhundert mag religiöse Diplomatie wie eine Sache der Vergangenheit erscheinen. Doch Russland erlebt heute allem Anschein nach eine Art religiöse Renaissance, und selbst Nichtgläubige oder Agnostiker identifizieren sich als russisch-orthodox. Auch viele nichtgläubige Russen sind mittlerweile zutiefst überzeugt, dass zwischen ihnen und der katholischen Welt eine tiefe Kluft bestand und besteht. Heute ist die russisch-orthodoxe Kirche tatsächlich zu einer der Säulen einer russischen Identität geworden, deren Wurzeln mindestens ein Jahrtausend zurückreichen.

Ein wichtiges PS der Redaktion zur Situation der christlichen Kirchen in der Ukraine: Der Vatikan ist vom Krieg in der Ukraine auch direkt betroffen: Die in der Ukraine verbreitete „Griechisch-Katholische Kirche“ lebt zwar nach orthodoxen Riten, ist aber hierarchisch schon seit dem 17. Jahrhundert – genau seit 1646 – der Römisch-Katholischen Kirche in Rom „unterworfen“. Die Details können hier nachgelesen werden.

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