Die Italienerin Francesca Albanese, die als offizielle Sonderberichterstatterin der UNO zur Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten es wagt, die grauenhaften Verbrechen Israels gegen die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen und im Westjordanland beim Namen zu nennen, die aber in den westlichen Medien möglichst unerwähnt bleibt ... (Photo Andrej Isakovic AFP)

«Die Situation im Mittleren Osten, einschließlich der Palästina Frage»

(Red.) Es wird in der UNO regelmäßig darüber gesprochen und es gibt jede Menge Resolutionen, aber Israel kümmert sich einen Dreck drum und schießt und mordet weiter, der IDF ermordet nicht zuletzt auch viele zivile Frauen und sehr viele Kinder. Aber die USA setzen alles dran, die Frau, die den Auftrag der UNO hat, das dortige Morden zu beobachten, die Italienerin Francesca Albanese, zum Schweigen zu bringen. – Karin Leukefeld kennt die Situation der Palästinenser aus eigener Anschauung seit Jahrzehnten – und sie kennt auch die Geschichte dieser Region. (cm)

«Middle East region (including Egypt, Israel, Lebanon and Syria)», so lautet der Titel regelmäßig wiederkehrender Debatten im UN-Sicherheitsrat seit 1946. Damals hatten Libanon und Syrien den UN-Sicherheitsrat aufgefordert, den Abzug der britischen und französischen Mandatstruppen aus den beiden Ländern durchzuführen. Die Mandate waren abgelaufen, die weitere Präsenz der britischen und französischen Truppen verletzten die staatliche Souveränität und territoriale Integrität der beiden UN-Mitgliedsstaaten Libanon und Syrien. Die Lage im Mittleren Osten und die Palästina-Frage war nie eine Frage von Palästina als vielmehr eine Frage europäischer Staaten und später von Israel, die sich das Land der regionalen arabischen Völker – Libanon, Syrien, Palästina – nicht teilen, sondern aneignen wollen.

Anfangs lag der Schwerpunkt der Debatten im UN-Sicherheitsrat auf Palästina, später auf den besetzten Gebieten, dann wiederum auf der Lage in Syrien, Jordanien, Irak, Libanon. Heute steht die gesamte Region zwischen dem östlichen Mittelmeer und der Persischen Golfregion in Flammen.

Seit 80 Jahren ist der UN-Sicherheitsrat mit einer Situation befaßt, die – in Verlängerung falscher Entscheidung des Völkerbundes – von der UN-Vollversammlung und vom UN-Sicherheitsrat gegen den Willen der ursprünglichen Bevölkerung des historischen Palästina geschaffen wurde. Der Völkerbund folgte 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz den „großen Vier“, das waren Großbritannien, Frankreich, Italien und die USA. Großbritannien und Frankreich hatten mit dem „Sykes-Picot“ Abkommen die gesamte Region unter sich aufgeteilt und zwischen Jerusalem und Haifa ein internationales Gebiet geschaffen. Die Balfour-Erklärung 1917 bereitete der Zuwanderung europäischer Juden und der Bildung einer „jüdischen Heimstatt in Palästina“ den Weg. 

Die „Zwei-Staaten-Lösung“, wurde von der UN-Generalversammlung am  29.11.1947 für einen Staat der Juden in Palästina geschaffen, die aus Europa vertrieben worden waren. Diese europäischen Juden, zionistische Milizen, gingen unmittelbar nach der Zwei-Staaten-Lösung gegen die ursprünglichen Bewohner Palästinas vor und vertrieben in der Nakba 1947/48 mindestens 700.000 Palästinenser aus ihrer Heimat.

Der UN-Sicherheitsrat hat seit seiner Gründung den arabischen Völkern der Region immer ihre Rechte zugestanden, doch nie etwas getan, um die entsprechenden UN-Resolutionen umzusetzen. Alle Entscheidungen wurden dominiert von den Interessen der europäischen, ehemaligen kolonial-imperialen Staaten und im Laufe der Jahre von den USA und Israel. Warum?

Routine im UN-Sicherheitsrat

Am 28. Juli 2026 versammelte sich der UN-Sicherheitsrat, um über „Die Situation im Mittleren Osten, einschließlich der Palästina Frage“ zu debattieren. 

Treffen zu diesem Thema finden vierteljährlich statt und sind in dem Gremium zur Routine geworden. Einer offenen Debatte, an der Vertreter der UN-Mitgliedsstaaten, von internationalen und UN-Organisationen mit Rederecht teilnehmen können, folgt ein geschlossenes Treffen des Gremiums.  

Das Interesse war auch dieses Mal groß, angemeldet hatten sich Südafrika, Algerien, Australien, Österreich, Brasilien, Bulgarien, Kanada, Kuba, Ägypten, UAE, Spanien, Indien, Indonesien, Irak, Irland, Island, Japan, Jordanien, Kasachstan, Libanon, Malaysia, Malediven, Marokko, Mexiko, Namibia, Norwegen, Uganda, Philippinen, Polen, Portugal, Katar, Bolivarische Republik Venezuela, Nordkorea (Republik), Islamische Republik Iran, Sri Lanka, Schweiz, Tunesien, Türkei, Vietnam. Zudem Vertreter der Arabischen Liga und der Europäischen Union. Der Ständige Vertreter des Staates Palästina und der Botschafter Israels nahmen am Tisch der Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrates Platz. 

Ramiz Alakbarov, der stellvertretende Sonderkoordinator und Resident Koordinator im Büro des UN-Sonderkoordinators für den Nahost-Friedensprozess (UNSCO) aus Jerusalem war per Video zugeschaltet. Er informierte die Versammlung knapp 12 Minuten lang auf Basis der UN-Sicherheitsratsresolution 2803, auch bekannt als „Trump-Friedensplan für Gaza“, der am 17.11.2025 vom UN-Sicherheitsrat in eine bindende Resolution umgewandelt wurde.

Er sprach über die Entwaffnung der Hamas, den Rückzug der israelischen Streitkräfte aus dem Gaza-Streifen, eine internationale Stabilisierungstruppe und die Übernahme der Regierungsgeschäfte für den Gaza-Streifen durch ein neu gegründetes Nationales Komitee für die Verwaltung des Gaza-Streifens. Alakbarov sprach über die Bevölkerung des Gaza-Streifens, die fast täglich zu „Opfern der anhaltenden israelischen Militäraggression“ werde. Deren „Widerstandsfähigkeit“ sei „inspirierend und bietet einen seltenen Hoffnungsschimmer für die Zukunft“, sagte er. Es seien auch „Verbesserungen bei der Ernährungssicherheit und der Müllbeseitigung“ zu verzeichnen, dennoch sei die Bevölkerung „mit weitreichender Zerstörung, Vertreibung, Überbelegung“ konfrontiert.

Auch die Lage im von Israel besetzten Westjordanland kam zur Sprache. Die Situation  verschlechtere sich schnell, wie man in den vergangenen Tagen gesehen habe, so Alakbarov. Man erwarte, dass sich die Lage in allen besetzten palästinensischen Gebieten verschlechtern werde, es sei denn es würden Maßnahmen ergriffen, um die Entwicklung zu stoppen. Auch die Lage in Libanon und Syrien – wo Israel Land besetzt hat und für weite Zerstörungen und Morde an Zivilisten verantwortlich ist – kam zur Sprache. Die Lage im Mittleren Osten und Palästina wurde von vielen Rednern angeprangert. Insbesondere der Krieg von USA und Israel gegen Iran wurde verurteilt. Praktische Folgen hatte auch diese Debatte nicht. 

Die Sitzung am 28. Juli dauerte mehr als 6 Stunden, eine schriftliche Zusammenfassung wurde von der UN zur Verfügung gestellt. In zwei Teilen kann man die Debatte über das UN-Fernsehen per Video nachverfolgen. 

Auffällig war das Fehlen einer der wichtigsten Expertinnen zu dem Thema, die UN-Sonderbeauftragte für die Lage der Menschenrechte in den von Israel besetzten Gebieten, Francesca Albanese.

Während in New York die Lage im Mittleren Osten und die Palästinensische Frage debattiert wurden, griffen israelische Siedler mit Unterstützung der israelischen Besatzungsarmee Palästinenser im von Israel besetzten Westjordanland an und setzten ungehindert deren Häuser, Dörfer und Höfe in Brand. Auch im Gaza-Streifen ging das Töten der israelischen Armee weiter. Arabische Medien berichten täglich über israelische Luftangriffe auf den Gaza-Streifen. Die Zahl der Toten im Gaza-Streifen seit Beginn der „Waffenruhe“ am 10. Oktober 2025 stieg auf 1.207, die Zahl der Verletzten im gleichen Zeitraum wird mit 3.914 angegeben. 

Seit Beginn des israelischen Krieges am 7. Oktober 2023 wurden nach offiziellen Zahlen (Stand 22. Juli 2026) 73.305 Palästinenser getötet, 173.918 Verletzte sind registriert. Andere Berichte, wie zum Beispiel die vom Max-Planck-Institut gehen von mehr als 100.000 Toten in dem Zeitraum aus. Die Kriege Israels und der USA haben sich auf sieben Fronten ausgeweitet: Gaza, Westjordanland, Libanon, Syrien, Jemen, Irak, Iran. Sie setzen die gesamte Region in Brand.

Den Mächtigen die Wahrheit sagen

Eine Stimme, die man in deutschsprachigen Medien nur noch selten hört, ist die von Francesca Albanese. Die italienische Anwältin gehört zu den mutigsten und klarsten Stimmen, die sich gegen den Völkermord an den Palästinensern erhoben haben. Albanese ist Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen seit 2022 und wurde 2024 in ihrem Amt für eine zweite Amtszeit bestätigt. Ihr Mandat ist beim UN-Menschenrechtsrat ansässig und beauftragt sie, über die Lage der Menschenrechte in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten zu berichten. Diese Arbeit hat sie und ihr Team seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2024 besonders herausgefordert. 

In drei Berichten hat Albanese über die „Anatomie eines Völkermords“ (März 2024), „Völkermord als koloniale Auslöschung“ (Oktober 2024) und „Von der Ökonomie der Besatzung zur Ökonomie des Völkermordes“ (Juli 2025) geschrieben. In den Berichten wird detailliert und mit Quellen das mörderische Ausmaß dieses Krieges für die Palästinenser beschrieben. Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und Militär aus aller Welt werden genannt, die bei der Vernichtung der Palästinenser halfen und weiter helfen und davon auch wirtschaftlich profitieren. Albanese verweist auf die Verpflichtung aller UN-Staaten, Völkermord zu verhindern und gibt jedem UN-Mitgliedsstaat und jeder Regierung Werkzeug in die Hand, gegen den Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser mit eigenen, nationalstaatlichen Maßnahmen vorzugehen. Eine Liste der Sanktionen finden sich u.a. in der UN-Charta Kapitel VII, Artikel 41. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Südafrika bewirkte beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) ein Verfahren gegen Israel wegen Verdachts auf Völkermord. Der amtierende IStGH-Chefankläger Karim Khan erließ internationale Haftbefehle gegen drei palästinensische Hamas-Offizielle, die alle von der israelischen Armee getötet wurden. Internationale Haftbefehle wurden auch gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und seinen (damaligen) Verteidigungsminister Yoav Gallant erlassen. Besonders darüber zeigte sich die US-geführte westliche Staatengemeinschaft, einschließlich EU, empört und mobilisierte ihre Kräfte, diese Entscheidung zurückzuweisen.

In Deutschland erhielt Francesca Albanese u.a. Redeverbot an den Universitäten München und Berlin, die Berichterstattung in den Medien über ihre Arbeit und über das Geschehen im Gaza-Streifen wurde reduziert. Kritik der israelischen Regierung und ihrer Partner an der Arbeit der UN-Sonderberichterstatterin für die Lage der Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten fand dagegen fast immer Platz.

US-Administration kündigt Zerstörung des Internationalen Gerichtshofs an

Einige EU-Außenminister, darunter auch der deutsche Außenminister Johann Wadephul, forderten im Februar 2026 den Rücktritt von Francesca Albanese nach einem manipulativ geschnittenen Video, das über soziale Medien veröffentlicht worden war. Wadephul hatte u.a. erklärt, Albanese sei in dem Amt „nicht haltbar“. Die Forderung wurde offiziell nie zurückgenommen, obwohl bekannt war, dass die gegen Albanese (u.a. von Israel) gerichteten Vorwürfe nicht zutrafen. 

In Verbindung mit dem 3. Bericht „Von der Ökonomie der Besatzung zur Ökonomie des Völkermordes“ griffen die USA (Juli 2025) zu einem ihrer liebsten Werkzeuge, Andersdenkende und politische Gegner in die Knie zu zwingen: Sie verhängten Sanktionen gegen Francesca Albanese, den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs und vier Richterinnen am gleichen Gericht.  Begründet wurde die Sanktionierung damit, dass alle mit Fällen befasst sind, die sich gegen die USA und Israel richteten, darunter gegen US-Soldaten in Afghanistan und gegen die Verantwortlichen der israelischen Kriegsführung in Gaza. 

Der Chefankläger Khan war zuvor offen bedroht worden, wenn er die internationalen Haftbefehle gegen Netanyahu und Gallant nicht zurücknehmen würde. Er nahm sie nicht zurück. Bald war er mit zwei Anzeigen wegen „sexuellen Fehlverhaltens“ gegenüber Mitarbeiterinnen konfrontiert. Khan wies die Vorwürfe zurück und ließ sich beurlauben, bis die Verfahren geklärt seien. Der Internationale Strafgerichtshof nahm Untersuchungen auf. Die Vorwürfe gegen Khan wurden von einem Richtergremium entkräftet, dennoch wurde Khan im Juni 2026 suspendiert. Am 13. Juli 2026 kündigte US-Außenminister Marco Rubio an, dass das US-Außenministerium eine Kampagne starten werde, „um die Bedrohung der amerikanischen Souveränität durch den Internationalen Strafgerichtshof zu beseitigen“. Kurz darauf, am 24. Juli 2026, wurde Karim Khan von der Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten des Internationalen Strafgerichtshofs mehrheitlich entlassen.

Verloren in Bürokratie

Alle Betroffenen sind Offizielle und Mitarbeiter der Vereinten Nationen und unterliegen somit, wie bereits 1946 für die gesamte UN-Organisation beschlossen wurde, dem Immunitätsgebot. Alle Betroffenen gehen gegen die US-Sanktionierung juristisch vor, die sie mit Reisebeschränkungen, Einfrieren ihrer Konten und Eigentum (in den USA), Blockade ihres Zugangs zu US-Kommunikationsangeboten (Internet) und anderen Einschränkungen mehr „bestrafen“. Wegen der engen Verflechtungen von finanziellen und institutionellen Beziehungen der USA weltweit, wirken sich US-Sanktionen massiv auf das Leben der Betroffenen aus. Die vier ICC-Richterinnen stecken im Verfahren fest, der IStGh-Chefankläger Khan wurde entlassen. Khan hat britische Staatsangehörigkeit, dortige juristische Berufsverbände haben seinen Ausschluß angekündigt.

Die UN-Sonderberichterstatterin Albanese konnte im Mai 2026 einen ersten Erfolg verzeichnen. Ihr Ehemann und ihre Tochter, die US-Staatsbürgerin ist, klagten gegen die Trump-Administration vor einem US-amerikanischen Gericht dagegen, dass die US-Sanktionen „sie faktisch vom Bankwesen ausschließen und es ihr nahezu unmöglich machen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“, wie der britische Guardian am 14. Mai berichtete. Der US-Bezirksrichter Richard Leon in Washington D.C. habe festgestellt, dass die Trump-Regierung versuche, „ihre Meinungsäußerung zu regulieren oder zu unterbinden“. Albanese stehe aber unter dem Schutz des Ersten Zusatzartikels der US-Verfassung und sie habe „nichts weiter getan, als zu sprechen!“, schrieb der Richter in seiner Urteilsbegründung. „Es ist unbestritten, dass ihre Empfehlungen keine bindende Wirkung auf das Vorgehen des IStGH haben – sie sind nichts weiter als ihre Meinung.“

Im Ersten Zusatzartikel der Verfassung aus dem Jahr 1787 (s.11) heißt es:

„Der Kongreß darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Religion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung beschränkt, die Rede- und Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition zur Abstellung von Mißständen zu ersuchen.“

Eine Woche später, am 21. Juli 2026, teilte das US-Finanzministerium mit, die Sanktionen gegen die UN-Sonderberichterstatterin Albanese seien aufgehoben. In einer Mitteilung der Nachrichtenagentur Reuters wiederum eine Woche später, am 27. Juli 2026, hieß es allerdings, das US-Finanzministerium habe sie erneut auf die Liste sanktionierter Einzelpersonen gesetzt. Demnach habe „ein aus drei Richtern bestehendes Gremium“ eines US-Berufungsgerichts, an das sich die US-Administration gewandt hatte, „eine verwaltungsrechtliche Aussetzung“ des vorherigen Urteils (Richter Richard Leon, Washington) beschlossen. Dadurch könne die Regierung „die Einstufung von Albanese als sanktionierte ausländische Staatsangehörige erneut durchsetzen“. Der Antrag der Regierung sei „weitergehend“ als der Antrag des Washingtoner „Untergerichts“. Der juristische Streit wird fortgesetzt.

Absichtlich verursachtes Leid

Francesca Albanese wird in aller Welt gehört, doch nur noch selten in Europa. Sie sagt den Mächtigen die Wahrheit, etwas, was besonders in Deutschland wenig Tradition hat. Irland sei das Land in Europa, das schon früh verstanden habe, was den Palästinensern widerfahre, sagt sie in einem Interview mit dem linksliberalen US-Magazin The Nation, das im Mai geführt und in der Juli/August-Ausgabe veröffentlicht wurde. „Die Iren haben die britische Kolonialherrschaft erlebt. Es gab einen Völkermord, auch wenn dieser nicht anerkannt wird. Fast 1 Million Menschen kamen durch die von den Briten absichtlich herbeigeführte Hungersnot (1845-1852) ums Leben.“ 

In dem Interview mit The Nation erinnert sich Francesca Albanese daran, dass „nie wieder“ für ihre Generation (Jahrgang 1977) zumindest in Italien zum „täglichen Brot“ während ihrer Schul- und Studienzeit gehört habe. Die Erinnerung an den Holocaust und dass das „nie wieder“ geschehen dürfe, sei allgegenwärtig gewesen. Man habe damals gewußt, dass „etwas so Schreckliches wie der Holocaust unbemerkt beginnt – und zwar damit, dass die Verbrechen gegen eine bestimmte Gruppe normalisiert werden.“ Und vor diesem Hintergrund sagten schon gleich zu Beginn des Krieges in Gaza Anfang Oktober 2023 Kollegen zu ihr: „Das ist ein Völkermord“. Unter den Kollegen seien Israelis gewesen, die von „Völkermord“ gesprochen hätten, während sie selber sich weigerte, diesen Begriff zu benutzen. 

Was sie in den folgenden Wochen dann aber gesehen, erfahren und dokumentiert habe, habe sie dahin gebracht, „von der Möglichkeit zu sprechen“, dass ein Völkermord sich in Gaza entwickele, vor allem auch, „weil die Sprache eine Sprache des Völkermordes war“. Es habe diese endlosen Fälle von absichtlich verursachten psychischem und physischem Leid gegeben, die sie zusammengetragen habe: „Das hat Israel in den ersten fünf Monaten gemacht: 30.000 Menschen getötet, durchschnittlich 150 Menschen pro Tag. Die Statistiken sprachen für sich: 85 Prozent der Opfer waren ausschließlich Frauen und Kinder. Soll das nur auf eine fehlgeleitete Rakete zurückzuführen sein? Mir wurde klar, es war ein Völkermord, und wie andere Völkermorde auch, war er unsichtbar. Die Leugnung des Völkermords ist ein wesentlicher Bestandteil des Völkermords selbst.“ 

Im Januar 2024 habe dann der Internationale Strafgerichtshof den „plausiblen, irreparablen Schaden anerkannt, der den Palästinensern im Gaza-Streifen entsprechend der Völkermordkonvention zugefügt wurde“, so Albanese. Alle Mitgliedsstaaten des Internationalen Strafgerichtshofes seien verpflichtet, einen Völkermord zu verhindern, sobald sie ihn erkennen. Nach der Entscheidung des Gerichts hätten alle Mitgliedsstaaten den gesamten Handel mit Israel sofort einstellen müssen, besonders den Waffenhandel: „Sie haben weitergemacht.“

Wir müssen handeln

Kaum jemand hat die Arbeit von Francesca Albanese so regelmäßig verfolgt wie Chris Hedges, langjähriger Auslandskorrespondent der New York Times, der von allen Kriegsschauplätzen des Nahen und Mittleren Ostens berichtete. Sieben Jahre lang berichtete er aus dem besetzten Palästina, 2002 erhielt er den Pulitzerpreis. Seine Interviews mit Francesca Albanese sind auf seinem YouTube Kanal „The Chris Hedges Report“ nachzuhören (englisch). Mehr über https://chrishedges.substack.com/

Das jüngste Gespräch der beiden trägt den Titel des neuen Buches, das Francesca Albanese in ihrer Muttersprache italienisch im April 2026 veröffentlicht hat: „Quando il mondo dorme“, Geschichten, Worte und Verletzungen aus Palästina, so der Untertitel. Die englischsprachige Ausgabe „When the World sleeps“ wird von Chris Hedges vorgestellt. In zehn Kapiteln beschreibe Albanese „die menschlichen Kosten“ die die israelische Besatzung und die Massenmorde verursachten. Sie stelle Personen vor, die sie in den Jahren traf, als sie in Palästina lebte, und gibt, so Chris Hedges, „dem Leid ein menschliches Gesicht“. Eine deutsche Übersetzung unter dem Titel „Wenn die Welt schläft“ ist beim Palmyra Verlag Heidelberg für Ende des Jahres 2026 vorgesehen. 

Das Gespräch mit Francesca Albanese behandelt zahlreiche Bereiche und Schicksale, in denen die Folgen der israelischen Besatzung und des Völkermords in Gaza beschrieben werden. Hedges verweist auf den Kinderarzt Dr. Hussam Abu Sayif, Leiter des Kamal Adwan Hospitals, der sich seit mehr als 18 Monaten ohne Anklage in israelischer Haft befindet und kürzlich in ein unterirdisches Gefängnis verschleppt wurde. Außer ihm befinden sich weitere 13 Ärzte in israelischer Haft, ohne dass ihnen eine Anklage präsentiert wurde. Gewalt und Folter an den Ärzten wiederhole sich in Gewalt gegen den gesamten medizinischen Bereich im Gaza-Streifen, so Albanese. Kliniken, Gesundheitszentren, Ambulanzen würden systematisch zerstört. Rettungssanitäter und medizinisches Personal seien regelrecht „eliminiert“ worden. Europäische Medien übernähmen weitgehend die Darstellung der israelischen Seite, die medizinisches Personal als Komplizen bewaffneter Gruppen (der Hamas) und Kliniken und Apotheken als Waffenlager und Kommandozentralen darstellten, um ihre Angriffe zu rechtfertigen. Wer das nicht hinterfrage, wie vor allem die europäischen Medien, werde zum „Komplizen“. Es geht um die Begriffe „Holocaust“ und „Völkermord“, um Palästina und den Rest der Welt, um juristische Fragen, um Palästina als Kolonie. Auch die gegen sie gerichteten Sanktionen werden angesprochen und die Zukunft des Gaza-Streifens als „Gaza Riviera“, was Albanese als „Ablenkung“ bezeichnet. Angesprochen werden die palästinensischen Bodenschätze, wie die Gasvorkommen vor der Küste des Gaza-Streifens, und immer wieder geht es um die Kinder, mehr als 20.000 von ihnen sind vollständige oder Halbwaisen. 

„Ungerechtigkeit hört nicht auf, weil wir es wollen oder weil wir dafür beten“, sagt Francesca Albanese zum Abschluß. „Wir müssen handeln.“  Nur so kann Unrecht überwunden werden. Das wichtige sei, durchzuhalten, nicht aufzugeben, egal wie lange es dauere, so Albanese. „Wenn Israel damit durchkommt, das internationale Recht ungestraft zu brechen, wird die Grundlage des internationalen Rechtssystem zerstört.“ 

Nicht aufgeben ist das Stichwort für Chris Hedges und ein Foto von Julian Assange wird eingeblendet. „Es hat 14 Jahre gedauert, um Julian freizubekommen.“ Das Foto zeigt Julian Assange auf dem Filmfestival in Cannes 2025. Er trägt ein T-Shirt mit den Namen von 4986 Kindern, die in dem Krieg gegen Gaza getötet wurden. 

(Red.) Siehe dazu auch «Die Welt schweigt zu Gaza» von Vijay Prashad

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