Ein Tagesschau-Weihnachtsmärchen in Syrien
Mit Fakten-Kosmetik malt die SRF-Tagessschau ein Bild von Syrien, das ins Medien-Narrativ vom großen Teufel Assad passt.
Am 25. Dezember sah man in der Schweizer SRF-Tagesschau Prozessionen von arabisch aussehenden Leuten mit Samichlaus-Mützen auf den Köpfen. Dazu lautete der Kommentar: «In Syrien feiern die Menschen zum zweiten Mal seit dem Sturz des Assad-Regimes Weihnachten. Trotz angespannter Sicherheitslage finden in Damaskus und andernorts im Land festliche Paraden und Messen statt. Nach Jahren der gewaltsamen Unterdrückung und Vertreibung ein Symbol der Hoffnung auf Stabilität, Normalität und den Wiederaufbau des gesellschaftlichen Lebens.» Über diesen Kommentar liefen Bilder von einer griechisch-orthodoxen Messfeier.
Schlecht informierte Zuschauer gewinnen aus dieser Darstellung den Eindruck, die Christen in Syrien könnten erst wieder aufatmen und Weihnachten feiern, nachdem das «Assad-Regime» gestürzt worden sei. Da wird mit sprachlicher Vernebelung eine falsche Kausalität hergestellt. Die «Jahre der gewaltsamen Unterdrückung und Vertreibung» der im Bild gezeigten Christen werden im Verständnis des TV-Publikums dem Konto des Präsidenten Assad belastet.
Die Assad-Regierung hat aber bekanntlich keine Christen unterdrückt. Christliche Gemeinschaften, ob sie nun griechisch-orthodox, assyrisch-aramäisch, römisch-katholisch oder was auch immer waren, standen wie alle anderen Minderheiten unter dem Schutz des Gesetzes. Die Verfassung der Syrischen Arabischen Republik definiert einen säkularen Staat mit radikalem Schutz der ethnisch-religiösen Gruppen. Und das Zusammenleben der Menschen funktionierte in Syrien vor dem Krieg besser als in manchen anderen muslimisch geprägten Ländern. Das war in vielen akademischen Abhandlungen nachzulesen, die heute wohlweislich aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit gelöscht wurden.
Sicher hatten die Islamisten nie vergessen, dass Bashars Vater Hafis al-Assad 1982 den Aufstand der Moslembrüder in Hama grausam niederschlagen ließ. Andererseits stand die syrische Mittelklasse weitgehend hinter der Regierung des jungen Präsidenten Bashar al-Assad, der als Reformer in Europa willkommen geheißen wurde. Lehrerinnen in Syrien durften vor der Klasse keinen Hidschab tragen. Der modernisierungswillige Teil der syrischen Gesellschaft fürchtete nichts so sehr wie eine Machtübernahme religiöser Fanatiker.
Dass bei Kriegsbeginn 2011 Christen, Alawiten, Drusen, Jesiden und besonders schiitische Gemeindevorsteher oder Beamte, die in irgendeiner Form als Sympathisanten der Regierung unter Verdacht standen, bedroht, vertrieben und ermordet wurden, war von Anfang an kein Thema in den großen westlichen Medien. Das oben zitierte schwammige Wording der Tagesschau ist so gewählt, dass die historisch verbürgte Realität undifferenziert bleibt und in ihr Gegenteil verkehrt wird.
Im Jahresrückblick der SRF-Tagesschau heißt es am 26. Dezember: «Nach 14 Jahren Krieg kehren viele Syrer wieder in ihre Heimat zurück». Das mag zutreffen, aber seit dem Sturz von Assad müssen erneut Christen, Alawiten, Drusen aus Syrien fliehen. Im Tagesschau-Jahresrückblick heißt es dazu in perfekter sprachlicher Abstraktion, es komme «immer wieder zu Zusammenstößen» mit vielen Toten. Womit der Eindruck erweckt wird, Alawiten und Christen griffen gleichermaßen die neuen bewaffneten Herren an wie umgekehrt. Das Fischen im Trüben ist die effiziente Methode der Fakten-Chirurgie.
Die syrische Schauspielerin Lubna Abou Kheir sagt im Tagesgespräch von Radio SRF am 29. Dezember, ihre Volksgruppe, die Drusen, würden von radikalislamischen Gruppen angegriffen: «Wir leben in Unsicherheit und Gefahr in unseren Dörfern.» Der syrische Kurde Ashti Amir sagt im gleichen Gespräch, der Krieg sei nicht zuende. Der neue Machthaber Ahmed al-Scharaa sei vom Westen gesteuert, aber man müsse bezweifeln, dass er seine Leute unter Kontrolle habe. Es gebe Massaker an Alawiten, Christen, Drusen überall im Land.
Bei Beginn der Kampfhandlungen 2011 stellten arabischsprachige Christen mit 1.8 Millionen etwa ein Zehntel der syrischen Bevölkerung. Die Hälfte oder mehr von ihnen flüchtete schon bald nach Kriegsbeginn vor den Angriffen der Aufständischen, die in westlichen Medien als «Rebellen» bezeichnet wurden. Wobei dieses Wording die Konnotation von Kämpfern für Demokratie und Menschenrechte suggerieren sollte. Aber schon 2012 kam der militärische Nachrichtendienst «US Defense Intelligence Agency» (DIA) zu dem Schluss, dass «die Salafisten, die Moslembruderschaft und Al-Kaida die wichtigsten Kräfte des Aufstandes in Syrien» seien. Dazu gehörten unter anderen die radikalislamischen Extremisten von «Al Nusra», deren Kommandeur der heutige Präsident von Syrien Ahmed al-Scharaa war. Er wird in unseren Medien heute als «geläuterter Islamist» geführt.
2018 sagte mir Pfarrer Nabil in Kfarbou, einer christlichen Gemeinde nahe bei Hama in Syrien: «Wir hatten Glück, dass die syrische Armee hier in der Nähe einen Flugplatz verteidigte. Wenn die syrische Armee nicht hier präsent gewesen wäre und uns geschützt hätte, hätten die islamistischen Milizen unser Dorf dem Erdboden gleichgemacht.» Auf den Straßen und Plätzen des Dorfes hingen, wie an vielen Orten in Syrien, die überlebensgroßen Bilder der gefallenen syrischen Soldaten. Gefallen im Kampf gegen die sogenannten «Rebellen» und «Freiheitskämpfer», die der Westen finanziert, trainiert und bewaffnet hatte, um Assad zu stürzen. Heute werden in Hama wieder Christen angegriffen und ihre Weihnachtsbäume abgefackelt.
Ich habe 2018 in christlichen Klöstern in Syrien Mosaiken gesehen, in denen Kalaschnikow-Kugeln steckten. Und Marienbilder, auf denen die Gottesmutter kein Gesicht mehr hatte, weil Gotteskrieger es mit dem Hammer zerschlagen hatten.
Der NATO-Westen organisierte einen Aufstand, um Assad zu stürzen und die Achse libanesische Hisbollah-Damaskus-Teheran zu zerschlagen und einen lange geplanten Aufmarschkorridor gegen den Iran freizumachen. Nach außen hin wurde dies begründet mit dem Argument, man müsse die syrische Opposition unterstützen und die Demokratie in Syrien wieder herstellen. Kurt O. Wyss, der 2019 verstorbene ehemalige Schweizer Botschafter in Syrien, zitiert ein Mail vom 31. Dezember 2012, das durch Wikileaks publik wurde. Es zeigt, welche wahren Beweggründe hinter dem geplanten Regime Change in Syrien standen. Dort schreibt die damalige Außenministerin Hillary Clinton, es gelte «mit regionalen Verbündeten wie der Türkei, Saudiarabien und Katar zusammenzuarbeiten, um syrische Rebellen zu organisieren, zu trainieren und zu bewaffnen.»
Weiter heißt es: «Assad zu beseitigen wäre nicht allein ein unermesslicher Segen für die Sicherheit Israels, es würde auch die verständlichen Ängste Israels mindern, sein nukleares Monopol zu verlieren. Im nächsten Schritt könnten sich dann die Vereinigten Staaten und Israel gemeinsam drauf verständigen, von welchem Punkt an die iranische Atomanreicherung so gefährlich wird, dass ein militärisches Eingreifen gerechtfertigt erscheint.» (Kurt O.Wyss. Die gewaltsame amerikanisch-israelische «Neuordnung» des Vorderen Orients. Léry Verlag. Bern 2022. S.164)
Unseren Journalistinnen und Journalisten ist nicht vorzuwerfen, dass sie nicht in der Lage sind, in einem 200-Sekunden-Beitrag der Tagesschau der Geschichte des Syrienkrieges gerecht zu werden, sondern dass sie sich nach 14 Kriegsjahren in Syrien immer noch an die Erzählung halten, die die NATO-Staaten und ihre «Freunde des syrischen Volkes» von Anfang an verbreitet haben und bis heute verbreiten. Es handelt sich bei dieser Erzählung um eine große Propagandalüge. Es gibt viele unumstößliche Fakten, die beweisen, dass eine Gruppe von Hardlinern in Washington den Krieg in Syrien und den Sturz Assads seit langem geplant hatte. Dessen ungeachtet beginnt für die NATO-Ideologen bis heute der Krieg, als 2011 ein «arabischer Frühling» in Syrien «ausgebrochen» sei. Kriege werden in dieser Form der Volksverdummung bekanntlich nicht von politischen Mächten gemacht, sondern sie «brechen aus» wie ein Virus.
Das Problem der Kurzfutter-Medien ist, dass sie historische Entwicklungen nicht als fließendes Kontinuum erkennen können. Sie sind nicht in der Lage oder nicht gewillt zu fragen: Was war vorher? Wie ist der Konflikt entstanden? Wer hatte ein Interesse an der Entstehung des Konfliktes?
Stattdessen kolportieren sie das immer gleiche, frappierend simple Propagandamuster: Wo der NATO-Westen Regime Change plant, muss ein Staatsoberhaupt als verruchter Unterdrücker des Volkes illustriert werden. Die Novelle wird durch einen übermächtigen Medienapparat solange wiederholt, bis sie in den Köpfen des Publikums Tatsache geworden ist. Anschließend sind den Regierungen in Washington, London, Paris und Berlin dann alle Mittel erlaubt, den Teufel auszutreiben, was von Medien-Öffentlichkeit und Parlamenten nach Kräften unterstützt wird, UN-Charta hin oder her.
Saddam Hussein wurde als ein Delinquent porträtiert, der den Westen mit ABC-Waffen bedrohte und bei 9/11 seine Hand im Spiel hatte, Muammar al-Gaddafi setzte – wie Hillary Clinton vor laufenden Kameras verbreitete – «die massenhafte Vergewaltigung von Frauen als Strategie ein», und Bashar al-Assad war der «Giftgasmörder», der Frauen und Kinder mit Sarin liquidierte.
Die von US-Außenministerin Clinton geführte Gruppe der «Freunde des syrischen Volkes» finanzierte ein Hilfswerk namens «Weisshelme», welches auf wundersame Weise stets unverzüglich an Ort und Stelle war, wo Mordanschläge mit Chemiewaffen passierten. Die Weisshelme hatten stets die besten Kontakte zu den großen Presseagenturen, um innerhalb Minuten weltweit zu verbreiten, dass «alle Anzeichen auf Assad als Täter» hindeuteten. Dass renommierte Waffenexperten dies später in allen Fällen in Zweifel zogen, war den führenden Medien kaum eine Zeile wert.
Ein mysteriöser, syrischer «Militärfotograf» mit dem Decknamen «Cesar» lieferte mehr als fünfzigtausend Fotos, die angeblich «Folteropfer» zeigten. Die Organisation «Human Rights Watch» kam zu dem Schluss, dass die Hälfte dieser Fotos offensichtlich tote syrische Soldaten zeige, von denen viele Zeichen medizinischer Versorgung aufweise. Was wiederum Fragen aufwirft nach der Glaubwürdigkeit dieses «Militärfotografen», der bis heute nie vor einer ordentlichen Staatsanwaltschaft ausgesagt hat. Fotos von Leichen finden sich zu tausenden auf den Computern jedes Spitals und jeder Polizeistation. Der US-Kongress jedenfalls nahm die Erklärungen des Herrn Cesar zum Anlass, ein Gesetz namens «Cesar Act» zu beschließen. Dieses verfolgte den Zweck, die Wirtschaft Syriens durch «Sanktionen» zum Zusammenbruch zu bringen, was vollumfänglich erreicht wurde. Wobei schon das Wort «Sanktionen» eine ideologische Manipulation ist, weil es impliziert, es handele sich bei von der UNO nicht autorisierten Zwangsmaßnahmen um völkerrechtskonforme Strafen.
Schon 2016 wandten sich die religiösen Führer Syriens in einem verzweifelten Aufruf an die Weltöffentlichkeit, in dem es hieß: «Es fehlt an Lebensmitteln, es herrscht eine allgemeine Arbeitslosigkeit, medizinische Behandlungen sind unmöglich geworden, Trinkwasser und Strom sind rationiert. Dazu kommt, dass das Embargo die Syrer, die sich bereits vor dem Krieg im Ausland niedergelassen haben, daran hindert, ihren Verwandten oder Familienangehörigen im Heimatland Geld zu überweisen. Selbst Nichtregierungsorganisationen, die Hilfsprogramme durchführen möchten, können ihren Mitarbeitern in Syrien kein Geld schicken. Firmen, Stromwerke, Wasserwerke, und Krankenhäuser sind gezwungen, zu schließen, weil sie keine Ersatzteile und kein Benzin bekommen können».
Als Assad im Dezember 2024 das Handtuch warf und nach Moskau flog und Ahmad al-Scharaa (auch bekannt als Abu Mohammed al-Dscholani) die Macht übernahm, lebten 90 Prozent der syrischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die großen westlichen Fernsehsender zeigten jubelnde Menschen auf den Straßen der syrischen Städte, genauso wie sie nach früheren Regimewechseln jubelnde Menschen in Kabul, Bagdad und Tripolis gezeigt hatten. Journalistinnen und Journalisten suchten und fanden in Damaskus irgendwelche Passanten auf der Straße, die vor der Kamera die Hoffnung äusserten, nun könne alles wieder gut werden. Es waren auf allen Sendern die gleichen Bilder und die gleichen Sätze.
Was dabei mit großer Anstrengung vermieden wurde, war der Hinweis auf das gnadenlose Abwürgen der Wirtschaft, mit dem der Westen Syrien kaputt gemacht hatte. So als seien die desolaten Lebensbedingungen in den Städten, wo ganze Viertel nur noch aus Ruinen bestehen, ausschließlich Resultat und Verschulden des «Assad-Regimes».
Jacques Baud, Oberst der Schweizer Armee und Konfliktforscher, der im Auftrag der UNO in Kriegsgebieten mehrerer Kontinente als Vermittler arbeitete, sagte schon im September 2022 exakt voraus, wie die Medien den Ukraine Krieg darstellen würden. Sie seien Konfliktparteien geworden. Ihre Arbeitsmethode bestehe darin, «ein Narrativ festzulegen und dann die Informationen auszuwählen, die dazu passen. Auf einer rein technischen Ebene und gemäss den anerkannten Definitionen ist dies die Methode des Verschwörungstheoretikers: Man fügt ausgewählte Fakten zu einem vorgegebenen Narrativ zusammen.» (Zeitgeschehen im Fokus Nr.15, Sept 2022)
Man könnte einwenden, die offensichtliche Vernebelungs-Diktion der Tagesschau in den oben genannten Beispielen sei ein seltener Ausrutscher, eine Unachtsamkeit, ein vernachlässigbares Versehen unter dem Zeitdruck der News-Fließbänder. Das ist aber nicht der Fall. Das Zurechtbiegen der Ereignisse, bis sie in die gewünschte Erzählung passen, ist tägliche Praxis.
Sicher kostet es viel Zeit und Arbeit, unter tausenden von Stimmen die wenigen zu finden, deren Argumente und Prognosen sich als zuverlässig erwiesen haben und die, wie Jacques Baud, vom Chorgesang der NATO-Ideologen abweichen. Aber Journalistinnen und Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen, müssten sich dieser enormen Mühe unterziehen. Denn wie Bert Brecht einmal in «Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit» festgehalten hat: «Sie glauben, es sei nur Mut nötig, die Wahrheit zu schreiben. Sie vergessen die zweite Schwierigkeit, die der Wahrheitsfindung. Keine Rede kann davon sein, dass es leicht sei, die Wahrheit zu finden.»
Jacques Baud bezahlt einen hohen Preis für seine unermüdliche Wahrheitssuche und seine Unbeugsamkeit. Die Europäische Union hat ihn wie einen Schwerverbrecher mit ihren notorischen Sanktionen bestraft.
Bertrand Russell, Philosoph und Friedensaktivist, verlor im Ersten Weltkrieg seine Stelle als Dozent für Mathematik in Cambridge, sein Pass wurde eingezogen, und er verbrachte wegen seines politischen Engagements gegen den Krieg sechs Monate im Gefängnis. Jacques Baud findet sich also historisch gesehen in guter Gesellschaft.