Frieden und Handel sind der erste Schritt in die Zukunft
(Red.) Die regelmäßigen Leserinnen und Leser von Globalbridge kennen Stefan Nold. Er erinnert sich an Vieles und ist ein aufmerksamer Beobachter. «Ich könnte heulen vor Wut – und manchmal tue ich das auch», gesteht er heute – und manchmal kann er einfach nicht schweigen. (cm)
“Ich bin so froh, dass ich ’n Mädchen bin, dass ich ’n Mädchen bin…Keine Widerrede, man, weil ich ja sowieso gewinn‘. Weil ich n’ Mädchen bin.” [1] Dieses Lied trällerte die Gruppe Lucielectric 1993 in den Äther. Wenn man das Wort “Mädchen” durch “Westen” ersetzt, trifft es die Einstellung, mit der NATO und EU seit Jahren anderen Ländern im Osten und Süden gegenüber auftreten.
Da treffen sich europäische Regierungschefs, denen das Wasser bis zum Hals steht, die nichts auf der Naht haben, weil sie seit Jahrzehnten die Prioritäten falsch setzen: Immer weniger Arbeiter müssen immer mehr Schwätzer ernähren. Bei Öl und Gas haben sie uns auf Gedeih und Verderb den USA und den Golfstaaten ausgeliefert; soziale Probleme, die durch Zuwanderung entstehen, lösen sie nicht, sondern ignorieren sie, wie alles, was nicht in ihr Wolkenkuckucksheim passt. Diese Truppe glaubt, einem Land, das sich langsam aber sicher nach vorne walzt, die Regeln diktieren zu können. „Bruchkadetten“ hat meine scharf blickende Oma solche Traumtänzer genannt.
„Kommt, versammelt euch Leute, wo immer ihr euch rumtreibt, und gebt zu, dass das Wasser um euch gestiegen ist. Und akzeptiert, dass ihr bald bis auf die Knochen durchnässt sein werdet. Wenn euch eure Zeit etwas wert ist, dann fangt ihr besser an zu schwimmen, oder ihr werdet wie ein Stein sinken, denn die Zeiten ändern sich.“ [2] Das ist die deutsche Übersetzung des Lieds von Bob Dylan The Times They Are a-Changin‘ [3] aus dem Jahr 1964.
Vor zehn Jahren konnte Wolfgang Schäuble mit seinem „Isch over“ [4] den deutschen Daumen über Griechenland senken. Heute macht Donald Trump das gleiche mit uns. Mitleid haben wir nicht zu erwarten. Aber die Verarmung, die Demontage unserer Industrie sind unser kleinstes Problem. Der ranghöchste französische Soldat spricht offen davon, die Gesellschaft müsse bereit sein, ihre Kinder zu opfern. [5] Nachdem in der Ukraine ganze Jahrgänge von Männern von einer korrupten Clique völlig sinnlos ausradiert worden sind, sind jetzt unsere Kinder und Enkel dran.
„So schlimm wird es schon nicht werden“ denken die meisten. Es ist faszinierend, wie sich die Menschen in ihren Risikobewertungen leiten und lenken lassen. Mit einem großen Aufgebot haben wir damals gegen das AKW Biblis demonstriert, weil sich das Risiko eines Super-Gaus nie ganz ausschließen lässt, erst recht nicht in einer erdbebengefährdeten Zone. Aber gerade die Partei, die damals am kräftigsten getrommelt hat, schlägt heute alle Warnungen vor einem Atomkrieg in den Wind, obwohl der heute hunderttausend Mal wahrscheinlicher ist als damals eine Kernschmelze.
Meine Eltern sind 1926 und 1928 geboren, in den goldenen Zwanzigern, als Josephine Baker nackt, schwarz und lebensfroh über die Berliner Bühnen tanzte. Zehn Jahre später schlug der braune Mob alles kurz und klein, was nicht-arisch war, 15 Jahre später bejubelten Priester und Pastoren Hitlers Vernichtungsfeldzug gegen die bösen Bolschewiken, während sie der Vergasung von Millionen Juden ungerührt zusahen. 1945 waren die Öfen endlich aus. Wer eine solche Jugend durchlebt hat, hält alles für möglich. Das ist kein Trauma, sondern eine wichtige Lehre.
Max von der Grün hat den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion als Lehrling bei den Porzellanfabriken Rosenthal erlebt. Er schreibt: „Unser Oberbuchhalter las nun auch die Zeitungen nur noch von hinten nach vorn, genau wie meine Mutter. Die letzten Seiten waren gefüllt mit Todesanzeigen, die das eiserne Kreuz „schmückte.“ Eines Tages bekam der Oberbuchhalter mitten in der Arbeit einen Anruf, ich sehe ihn noch wie er sich verfärbte, den Hörer fallen ließ und steif das Büro verließ. Drei Tage blieb er fort. Sein ältester Sohn war in Russland gefallen.“ [6]
Heute werden wieder die gleichen Ängste geschürt, wie damals. Mir machen die übergriffigen Bürokraten in Brüssel, die nach totaler Kontrolle gierenden Tech-Konzerne aus den USA viel mehr Angst als der russische Bär, der uns noch nie gebissen hat, solange wir ihm nicht auf den Pelz gerückt sind. Aber Moskau hat gebrannt, Leningrad hat gehungert und Sewastopol wurde zerstört – zwei Mal. Immer wieder haben Frankreich, England und Deutschland nach Land und Rohstoffen im Osten gegriffen – genau die Länder, die jetzt den Krieg fortsetzen wollen. Die Parolen, mit denen dieser Imperialismus moralisch aufgeladen wird, sind grotesk, wenn man sieht, wie der Kriegsverbrecher Stepan Bandera oder SS-Verbände, an deren Händen millionenfach das Blut von Unschuldigen klebt, von denen verherrlicht werden, die derzeit in der Ukraine den Ton angeben. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Was bringen uns all diese gottverdammten Geostrategien, mit denen wir von morgens bis abends beschwatzt werden? Krieg und Unterdrückung haben die europäischen Kolonialmächte reich gemacht, vor allem das britische Empire. Deutschland hat unter Kriegen fast immer nur gelitten, aber der Frieden hat uns Wohlstand gebracht, von den Augsburger Fuggern über den Aufbau des russischen Telegraphennetzes während des Krimkrieges durch die damals junge Firma Siemens [7] bis zum Gas-Röhrengeschäft der Sozialdemokraten von früher mit der Sowjetunion während des Kalten Krieges. „Ich denke, dass er einerseits Leben retten will und andrerseits eine Welt sieht, in der die Menschen miteinander Handel treiben, anstatt sich gegenseitig umzubringen“ [8], sagt US-Vizepräsident J.D. Vance über Donald Trump. Ja! Frieden und Handel sind der erste Schritt in die Zukunft. Wie man die Spirale des ewigen Wachstums durchbrechen kann, darum muss sich die nächste Generation kümmern. Wir müssen jetzt den Kriegstanz der Wahnsinnigen beenden.
Das ist nicht einfach. In Großbritannien beschäftigt sich eine ganze Brigade mit psychologischer Kriegsführung, dem Krieg um die Köpfe. Dann sind da die Thinktanks, die Denkpanzer, die Stiftungen der Superreichen, die NGOs, der ganze öffentlich-rechtliche Apparat von Rundfunk und Fernsehen. Alle haben „Friedensangst“ [9] wie die Rüstungskonzerne, Angst vor dem Verlust ihres Narrativs und ihrer Finanzierung. Jeden Tag sterben Menschen für nichts, die Überlebenden sind körperliche und seelische Wracks, egal, Hauptsache der Totentanz geht weiter. Ich könnte heulen vor Wut – und manchmal tue ich das auch. Es gibt doch für uns nichts Wichtigeres als das Leben unserer Kinder und Enkel. Hat denn nicht für jeden von uns die Vorstellung einer friedlichen, harmonischen Zukunft der Welt etwas Wundervolles und Tröstliches? Wann kommen die Bürger auf die Idee, anstatt der eigenen Kinder ihre Todes-Generäle, Politiker und Manager zu opfern? (Hervorhebung durch die Redaktion)
Anmerkungen
[1] Goldkind, Ralf und Luci van Org (Lucielectric) (1993) Mädchen. https://www.youtube.com/watch?v=aSkbOPemmpk
[2] https://www.songtexte.com/uebersetzung/bob-dylan/the-times-they-are-a-changin-deutsch-2bd69c4a.html
[3] Dylan, Bob (Januar 1964) The Times They Are a-Changin‘ Columbia Recording Studio: New York.
[4] Schäuble, Wolfgang (Februar 2015) https://www.dw.com/de/kommentar-isch-over/a-18539634
[5] Mandon, Fabien (18.11.2025) Rede auf der 107. Konferenz der Bürgermeister, Paris. https://overton-magazin.de/top-story/akzeptieren-unsere-kinder-zu-verlieren-fordert-frankreichs-generalstabschef/ Original:https://www.lepoint.fr/societe/perdre-nos-enfants-le-discours-du-general-mandon-en-integralite-21-11-2025-2603608_23.php
[6] von der Grün, Max (1979) Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich. 8 Auflage (1980), S. 183 – 184. Hermann Luchterhand Verlag: Darmstadt und Neuwied.
[7] Siemens, Werner von (1916) Lebenserinnerungen, S. 101 – 122. Julius Springer: Berlin.
[8] Vance, J.D. (20.11.2025) Interview mit Matt Boyle. Breitbart News.https://www.youtube.com/watch?v=t5v-NYVaHzs (Min.19:00–21:00) Clip mit dt. Untertiteln: https://dert.site/kurzclips/video/262453-statt-sich-umzubringen-einfach-handel/
[9a] Sasse, Robert (21.11.2025) Rheinmetall-Aktie: Friedensangst schockt Anleger. boerse-express.com GmbH & Co. KG: Bonn. https://www.boerse-express.com/news/articles/rheinmetall-aktie-friedensangst-schockt-anleger-842841
[9b] Schmeller, Raphael (24.11.2025) „Friedensangst“: Rheinmetall-Kurs stürzt wegen möglicher Waffenruhe in der Ukraine ab. Berliner Zeitung: Berlin. https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/rheinmetall-aktie-faellt-wegen-moeglicher-waffenruhe-li.10007025
[9c] Focus (24.11.2025) Friedensangst: An der Börse macht ein hässliches Wort die Runde. https://www.focus.de/finanzen/boerse/friedensangst-an-der-boerse-macht-ein-haessliches-wort-die-runde_0ac7afc7-f459-448c-afbe-3cd31f4d347c.html