Vor 80 Jahren, am 20. November 1945, starteten die Nürnberger Prozesse, wo es um die Rollen der Hauptverantwortlichen für die Gräueltaten des Nazi-Regimes ging. Im Bild erkennt man in der ersten Reihe Göring, Heß und von Ribbentrop. Archivbild)

Belarussischer Generalkonsul erklärt Minsks Sicht auf die Nürnberger Prozesse: „Unser höchster Feiertag erinnert an die Befreiung von Nazi-Besatzung“

Im Gespräch äußert sich der belarussische Generalkonsul in München, Kirill Dragun, zu brisanten Themen: Er spricht über die historische Bedeutung der Nürnberger Prozesse – sie begannen am 20. November 1945 – und die aktuelle diplomatische Lage. Globalbridge sprach mit ihm am 22. November im Rahmen einer Gedenkveranstaltung in Nürnberg.

Generalkonsul Dragun erklärt, warum in Belarus der 3. Juli – der Tag, an dem Minsk befreit wurde – als höchster Nationalfeiertag gefeiert wird. Er kritisiert die deutsche Erinnerungskultur scharf und bedauert die aktuelle deutsche Politik. Er beschreibt konkrete Gesprächsblockaden und spricht offen davon, dass seine Delegation bei Gedenkveranstaltungen, etwa in Dachau, diskriminiert werde.

Lesen Sie im folgenden Interview, wie Belarus die juristische Aufarbeitung des Völkermords durch den Generalplan Ost vorantreibt und welche Hoffnungen der Generalkonsul für eine baldige Verbesserung der angespannten deutsch-belarussischen Beziehungen hegt.

Anlässlich des Gedenkens organisierte die Regionalgruppe Bayern der Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft (GDRF) in Nürnberg am Samstag eine vielschichtige Veranstaltung, die Catrin Heidecker initiiert hatte und leitete. Auf dem Nürnberger Südfriedhof wurde mit einer Kranzniederlegung an den Gräbern der über 5.000 sowjetischen Kriegsgefangenen dieser Opfer gedacht und anschließend der russische Spielfilm „Nürnberg“ (2023) gezeigt. Zu den Rednern gehörten außerdem Russlands Generalkonsul Oleg Krasnitskiy und ein Vertreter der russischen Botschaft. Letzterer verlas eine Grußbotschaft des Botschafters Sergej Netschajew und präsentierte eine Ausstellung der Botschaft zum Völkermord an den Völkern der Sowjetunion.

Éva Péli: Herr Konsul, wie gedenkt die Republik Belarus des 80. Jahrestages der Nürnberger Prozesse – Beginn am 20. November 1945 – und welche Bedeutung messen Sie diesem historischen Ereignis bei?

Kirill Dragun: Nun, ehrlich gesagt kann ich nicht genau sagen, wie umfassend dieses Datum in der Republik Belarus gewürdigt wurde. Es gab Veranstaltungen auf Expertenniveau. Ich weiß jedoch mit Gewissheit, dass Belarus der Erinnerung an die Kriegsereignisse und insbesondere an die Schlüsselereignisse des Krieges sehr große Aufmerksamkeit schenkt. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist unser Nationalfeiertag, der 3. Juli. Wir begehen ihn als „Tag der Unabhängigkeit der Republik Belarus“ und haben ihn bewusst auf den Tag gelegt, an dem Minsk von den deutsch-faschistischen Besatzern befreit wurde (3. Juli 1944). Das ist wohl das eindrücklichste Beispiel dafür, wie tief das Bewahren der Erinnerung an jenen Krieg für uns verankert ist, da selbst unser höchster Feiertag mit dem Datum der Befreiung von den deutsch-faschistischen Eindringlingen verbunden ist.

Éva Péli: In Deutschland gedenkt man der Kriegsverbrecherprozesse, aber die Rolle der Sowjetunion thematisieren oder stellen viele negativ dar – etwa als gewünschte „Schauprozess“-Inszenierung. Der Fokus liegt primär auf der Vernichtung der Juden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Warum blendet Deutschland den substanziellen Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über den Faschismus und ihre größten Opferzahlen weitgehend aus?

Kirill Dragun: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Meiner Ansicht nach entspricht dies bedauerlicherweise den modernen Tendenzen und Ansätzen, die wahre Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu verzerren. Es wirkt wie eine gezielt verfolgte Politik, die darauf abzielt, die Opfer, welche die Sowjetunion – und damit alle Völker der ehemaligen Sowjetunion – erbracht haben, in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese Völker spielten eine entscheidende Rolle, als sie den Faschismus besiegten. All dies deutet stark darauf hin, dass man diese Erinnerung bewusst verdrängen will.

Éva Péli: Sie haben mit Ihrem russischen Kollegen in Nürnberg an einer Gedenkveranstaltung teilgenommen. Wie erleben Sie die antirussische Stimmungsmache und die politische Haltung, die sich teils auch gegen Belarus richtet, weil Ihr Land Partner Russlands ist?

Kirill Dragun: Ja, selbstverständlich spüren wir die von Ihnen beschriebene Haltung deutlich in unserer Arbeit. Wir sind der engste strategische Verbündete unserer russischen Brüder. Wir stehen zusammen und werden immer zusammenstehen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Arbeit des Generalkonsulats in München aus. Wir befinden uns in einer Art künstlicher Isolation, denn illegale Sanktionen haben die objektiven Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir von wesentlichen inhaltlichen Kontakten mit offiziellen Stellen ausgeschlossen sind. Dennoch sind wir offen und bereit, mit allen ins Gespräch zu kommen. Die Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass dies auf einer Basis geschieht, die gegensätzlichen Respekt und Reziprozität bietet.

Éva Péli: Erleben Sie ähnliche Gesprächsblockaden, Kontakthindernisse und Ähnliches wie Ihre russischen Kollegen?

Kirill Dragun: Ja, das kann man so bestätigen. Wir erleben, dass Deutschland uns mit einer Haltung konfrontiert, die im Wesentlichen der Art und Weise entspricht, wie man mit Vertretern der russischen diplomatischen Kreise umgeht.

Éva Péli: Wie erleben Sie die Reaktion der deutschen Gesellschaft? Wir hörten kürzlich in Moskau: Die Politik in Deutschland sei das eine, die Menschen das andere. Bestätigt sich dieser Eindruck?

Kirill Dragun: Sie haben völlig richtig bemerkt, dass Politik und einfache Menschen unterschiedliche Dimensionen darstellen. Die breite Bevölkerung ist deutlich konstruktiver eingestellt, das gilt insbesondere für Menschen aus Ostdeutschland und der ehemaligen DDR. Darüber hinaus gibt es in Deutschland auch genügend kritisch eingestellte Menschen. Sie versuchen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Sie akzeptieren nicht nur die Meinung des offiziellen Mainstreams, sondern bemühen sich, aus anderen Quellen eine alternative Sichtweise auf die aktuellen Geschehnisse zu erhalten.

Éva Péli: Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um wieder ein besseres Verhältnis zwischen Russland/Belarus und Deutschland zu erreichen?

Kirill Dragun: Was genau geschehen muss, ist natürlich sehr schwer zu beantworten, aber auch wir rechnen und hoffen fest auf eine Verbesserung unserer Beziehungen. Wir sind zuversichtlich, dass dies früher oder später geschehen wird. Wir würden uns wünschen, dass es bald eintritt.

Éva Péli: Wie viele Vertretungen von Belarus gibt es derzeit überhaupt in Deutschland?

Kirill Dragun: In Deutschland gibt es die Botschaft der Republik Belarus in Berlin und das Generalkonsulat der Republik Belarus in München. Wir haben somit zwei offizielle Vertretungen.

Éva Péli: Die belarussische Geschichtspolitik betont stark die Opfer des nationalsozialistischen Generalplans Ost. Welche konkreten Fakten oder Aspekte sollten in den deutschen Gedenkstätten stärker hervorgehoben sein, um die Perspektive der Sowjetvölker zu würdigen?

Kirill Dragun: Die Generalstaatsanwaltschaft der Republik Belarus leitete im April 2021 ein Ermittlungsverfahren wegen Völkermords an der belarussischen Bevölkerung während des Großen Vaterländischen Krieges und in der Nachkriegszeit ein. Seitdem führen wir umfangreiche Arbeiten durch: Wir untersuchen Archive, decken neue Massengräber und Verbrechen der Besatzer auf, wir präzisieren Listen der zerstörten Ortschaften und die Zahl der Opfer.

Die Ermittlungsarbeit hat die Beweislage in den letzten Jahren erheblich erweitert: Bislang unbekannte Begräbnisstätten wurden entdeckt, und die Liste der zerstörten Dörfer ist auf Zehntausende angewachsen. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, die Unterlagen ergänzen wir ständig, und heute handelt es sich um einen komplexen historisch-rechtlichen Prozess. Er zielt darauf ab, ein vollständiges Bild der Verbrechen gegen die friedliche Bevölkerung von Belarus während und nach dem Krieg zu erstellen.

Wir wären selbstverständlich daran interessiert, dass man Informationen der Generalstaatsanwaltschaft der Republik Belarus über neu entdeckte Fakten zum Völkermord an der belarussischen Bevölkerung während der Nazi-Besatzung verbreitet.

Éva Péli: Welche konkreten Gedenkinitiativen oder Projekte zur Völkerverständigung, die das Generalkonsulat initiiert hat, wurden Ihnen seitens offizieller deutscher Stellen verweigert oder blockiert?

Kirill Dragun: Tatsächlich werden die Generalkonsulate von Belarus und Russland seit 2022 jährlich bei Gedenkveranstaltungen zur Befreiung der Konzentrationslager in Bayern von den Organisatoren diskriminierend behandelt. Insbesondere nehmen wir in der Gedenkstätte Dachau nicht an gemeinsamen Gedenkveranstaltungen mit den Konsularbeamten anderer Staaten teil. Es ist uns untersagt, während unserer Kranzniederlegung nationale Symbole zu verwenden, andernfalls entfernt man diese.

Trotz dieser Umstände hoffen und erwarten wir, dass die Gedenkstätten ihre Vorgehensweise überdenken und zu der hohen Erinnerungskultur zurückfinden, die Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten geprägt hat.

(Red.) Einmal mehr sei zur Geschichte des Vorgehens der deutschen Wehrmacht in Belarus der Film «Komm und sieh!» empfohlen. In den Augen der meisten geschichtsbewussten Filmkritiker gilt er als bester Kriegsfilm überhaupt, weil de facto nichts Anderes als ein nachgespielter Dokumentarfilm. Die Version mit deutschen Untertiteln kann hier angeklickt und angesehen werden. (cm)

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